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Der orientalische Einfluss
in der siebenbürgisch-sächsischen Bürgertracht.

Von Juliana Fabritius Dancu
Neuer Weg Kalender 1983, Seite 78

Es gibt im Dasein der Völker einschneidende historische Ereignisse, die nicht allein ihr politisches Schicksal entscheiden, ihre sozial-ökonomische Struktur beeinflussen, sondern auch ihrer kulturellen Entfaltung eine neue Ausrichtung geben — obgleich derartige Ereignisse oft nicht durch eine innere, organisch notwendige Entwicklung herbeigeführt, sondern vielmehr von außen herangetragen, durch den Zufall gelenkt oder den Willen einzelner bestimmt werden.

Ein solches Ereignis war für Siebenbürgen die Entscheidung der Schlacht bei Mohacs, am 29. August 1526, zu Gunsten der Türken, wonach es zum autonomen Fürstentum unter türkischer Oberhoheit und somit der Pforte tributpflichtig wurde. Ebenso die Einnahme der Festung Buda, 1541, durch die Janitscharen des Sultans Soliman des Prächtigen, die Mittelungarn für nahezu anderthalb Jahrhunderte — bis zum 2. September 1686 - zum türkischen Paschalik machte.

Damit war den bisher unentwegt aufrechterhaltenen Verbindungen der Siebenbürger Sachsen mit ihrem deutschen Stammgebiet ein Riegel vorgeschoben, der abendländische Einfluss in vieler Hinsicht gedrosselt, wogegen sich nun der des Orients bemerkbar zu machen begann. Am deutlichsten zeichnen sich seine Spuren in der Materialkultur ab und lassen sich heute am leichtesten im sächsischen Kunsthandwerk, ja sogar in der Volkskunst nachweisen, welche beide, außer Werktechniken, eine Vielzahl orientalischer Dekorationsmotive übernahmen — natürlich nicht ohne sie abzuwandeln und dem eigenen Empfinden gemäß schöpferisch anzupassen.

Dass selbst die orientalische Kleidermode, mit ihren eigentümlichen Schnitten und der imposanten auf monumentale, hieratische Wirkung bedachten Linie, nicht ohne Einfluss auf die äußere Erscheinung der sächsischen Oberschicht blieb, ist unschwer einzusehen.

Durch die türkische Invasion in Europa und die diplomatischen Beziehungen der osteuropäischen Länder zur Hohen Pforte machte sich der Einfluss der türkischen Mode in russischen, polnischen und magyarischen Adelskreisen geltend. Am Hofe des Woiwoden Johann Zapolya, der Siebenbürgen den Türken ausgeliefert, sich mit ihrer Hilfe gegen Ferdinand von Österreich seinen Gegenkönig, durchgesetzt hatte, trug man selbst verständlich auch das über den gesamten Balkan verbreitete türkische Kostüm - ebenso wie an den Fürstenhöfen der Walachei und Moldau. Unter Beibehaltung des typischen Schnitts erfuhren die spezifisch orientalischen Kleidungsstücke doch eine gewisse Angleichung an die jeweiligen klimatischen Verhältnisse, die landesüblichen Gewebe und den persönlichen Geschmack.

Zunächst waren es die sächsischen Oberbeamten die mit dem siebenbürgischen Fürstenhof in politischen und rechtlichen Angelegenheiten zu verhandeln hatten und sich der dort tonangebenden Modekleidung anpassten — schon deshalb, um hinter dem magyarischen Adel nicht zurückzustehen, um nicht weniger würdig und eindrucksvoll aufzutreten als dieser.

Es ist oft betont worden, dass im 16. Jh. nur die Männerkleidung der sächsischen Bürger die orientalische Mode nachahmte — während die vom deutschen Modekostüm des 15. Jh. geprägte Frauentracht sich im wesentlichen gleich blieb —, ohne einen Grund hierfür anzugeben. Die Erklärung dieser Erscheinung glauben wir dann zu sehen, dass der Verkehr der Sachsen am siebenbürgischen Fürstenhof kein gesellschaftlicher sondern nur ein amtlicher war; die Staatsgeschäfte brachten ausschließlich die Männer mit den Vertretern und Würdenträgern der siebenbürgischen „Stände“ beim Landtag und bei Hofe zusammen, so dass sie alle sich veranlasst sahen, den ungarischen Dolman mit Schnurgürtel, das „polakische Mentye“ anzulegen, die bis dahin getragene deutsche Schaube mit dem magyarischen Felsö zu vertauschen, den aus der Stammheimat mitgebrachten Filzhut oder die siebenbürgische Lammfellmütze mit der polnischen Marderkappe, deren Boden aus farbigem Tuch bestand.

Wie allerorts übernahm auch bei den Sachsen das städtische Bürgertum die Mode der führenden Schichten, der Patrizier, und sogar die Volkstracht hat sich manches Kleidungsstück der Bürgertracht angeeignet, um es nach konservativer Bauernart oft Jahrhunderte hindurch zu bewahren.

Die ländliche Bevölkerung konnte es sich nicht leisten, dem Wandel der Mode zu folgen — die aus dauerhaftem, gediegenem Material gefertigten Sonntags- und Festtrachten erhielten und vererbten sich Generationen hindurch.

So ist der im 16. Jh. von der sächsischen Oberschicht, sodann von den Bürgern übernommene Dolman später auch aufs Land hinausgewandert. Für die Zeit seines ersten Auftretens liefern gemalte Porträts und die in den Kirchen von Hermannstadt (Ferula), Bistritz, Kronstadt, Mediasch, Birthälm, Großschenk, Heltau, Dobring u.a. noch in etwa 50 Exemplaren anzutreffenden figuralen Grabplatten aufschlussreiche Belege. Als über dem Hemd getragener Männerrock, geht der Dolman, seinem Schnitt nach, auf ein orientalisches Gewand mit weitem, langem Rockschoß zurück, das türkisch anteri (langes Kleid) hieß — von dem auch der rumänische anteriu oder antereu (Moldau) abstammt. War das orientalische Kleid von schwerer Seide, so fertigten die Sachsen den Dolman aus Brokat, broschiertem Samt oder feinem Tuch (Perpet, Granat) an. Den Hals umgab ein schmaler Stehkragen, über der Brust schloss eine dichte Reihe kugelrunder Knöpfe, von Metall oder aus Goldfaden, später Seide gestrickt, den eng am Oberkörper anliegenden Rock, dessen Schoss durch seitlich eingesetzte Zwickel in charakteristischer Weise erweitert war. Das anfangs knöchellange Gewand reichte im 17. Jh. nur noch bis zur halben Wade, schließlich nur noch bis unters Knie. Kleine Haftel hielten den Ärmel vom Ellbogen abwärts eng um den Unterarm geschlossen; ein kontrastfarbiger Aufschlag bildete die Manschette. Kennzeichnend ist die Linie der schräg nach unten zu verbreiterten Vorderteile des Rockschoßes,-die das Auseinandergehen beim Schreiten verhindern. Den Dolman gürtete man stets mit einem aus weichem Seidengewebe oder Schnüren gefertigten Gürtel. So sah im 16. und 17. Jh. der Dolman aus, den die Sachsen vom ungarischen Adel übernommen hatten. Während des 18. und 19. Jahrhunderts wird er bedeutend kürzer, der Schnitt wandelt sich in Anlehnung an die polnische und ungarische Militäruniform, der von der Taille abwärts stark ausgeschweifte Schoss weist ihn als typische Reiterkleidung aus. Die Verschnürung über der Brust, die durch Schnurbesatz betonte, stramm anliegende Fasson unterstreichen das Soldatische des nur noch den Rumpf bedeckenden Rocks.

In dieser Form haben die Agnethler Bürgertracht und einige Harbachgemeinden den Dolman bewahrt. In anderen Dörfern des Harbachtals ist er immer noch knielang (Jakobsdorf, Mergeln), ebenso in der Schässburger und Repser Trachtenzone, wo er vielerorts als Sonntagsrock der Bauern fortlebt — in Bodendorf, gleich dem «Burzenländer Rock» mit silbernen Krepeln (Spangen) über der Brust geschlossen. Zum Dolman gehören eng anliegende, mit farbiger Schnur verzierte Hosen von gleichfalls ungarisch-polnischem Schnitt und hohe Schaftstiefel, die ehemals bis übers Knie hinausreichten. In der sächsischen Bürgertracht des 16.-19. Jh. gehörte zum Dolman das darüber getragene Mente ein Oberkleid aus feinem Wolltuch, von ähnlichem Schnitt, aber mit weiten Ärmeln und um gut eine Handbreit länger als der Dolman.

Das mit Lamm- oder Fuchsfell gefütterte Mente trug man sommers bloß um die Schultern gehängt. Vermögende besaßen mit teurem Pelzwerk verbrämte oder verreifte Mente und für den Sommer ein ungefüttertes — das «ledige Mente» wie Martin Felmer es in seiner Beschreibung der sächsischen Tracht aus der ersten Hälfte des 18. Jh. nennt. Er nimmt für das Mente ungarische Herkunft an während Damasus Dürr es in seinen berühmten Predigttexten (1554-1582) als «polakisch Mentye» bezeichnet. Tatsächlich trugen sowohl die Polen als auch die Ungarn dieses Obergewand orientalischen Ursprungs. Die Vorderteile waren mit breiten, in Knopf und Schlaufe endenden, waagerecht übereinander gestellten Zierborten besetzt — obwohl das Mente meist offen getragen wurde und Dolman und Gürtel sehen ließ — wie es auf zeitgenössischen Gemälden zu sehen ist.
Das ungefütterte Mente hat sich mancherorts in der sächsischen Volkstracht bis heute erhalten — wie etwa in Braller und Keisd wo es zur Sonntagstracht der Männer gehört.

Vom türkischen Kaftan leitet sich der «Feltschi» oder «Felsö» genannte, pelzgefütterte Mantel her (ungarisch Felsö (ruha) - Ober (Kleid), den der Historiker Martin Felmer als «Ehrenkleid der zur Gesellschaft der Ratsgeschworenen oder Ältesten eines Ortes» gehörenden Bürger bezeichnet. Das Charakteristische, eben auf den Kaftan hinweisende sind die engen, bis zum Mantelsaum herabreichenden Zier- oder Lehnärmel, die niemals angezogen werden und seitlich über den Rücken niederhängen. Daher trug man den Mantel nur um die Schultern gelegt, oben über der Brust durch eine einzige Schnur oder Zierborte zusammengehalten.




Mente (Mantel)
Eine bäuerliche Variante aus Kleinschenk

      

In der Mitte hält ein wertvoller Schnürgürtel den Rock zusammen



Im Sommer trug man einen ungefütterten Dolman

Beide hier in der Ausstellung vorhandenen Stücke sind Eigentum des Herr Andreas Tei.
Er sagte uns das, wenn es so weit ist, er im Mente seines Großvaters begraben wird





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