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Zeitzeugenberichte







Grenzerlebnis beim Eisernen Tor.

Ausschnitt aus einer meiner persönlichen Zeitzeugenaussagen aus

"Die Deutschen in Rumänien"

Band III, Heim zu den Wurzeln

Bücher, die ich dieses Jahr im Oktober herausbringen werde.

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Meine Frau Marianne hatte einen Sommer Touristen aus Westdeutschland am Schwarzen Meer betreut. Wir hatten immer gestaunt, was die für gutes Essen im Verhältnis zu unsereinem bei Vollpension bekamen. Und da sah sie, wie viel rumänisches Geld es durch den hohen Wechselkurs eigentlich war, welches diese dafür zahlten.

Die Arbeit mit ausländischen Touristen war finanziell ergiebiger. Man tauschte rumänisches Geld zum offiziellem Wechselkurs ein, welches man dann an die Verwandten nach Deutschland schickte, die uns dafür nötige Medikamente und anderes schickten. Offiziell konnten wir kein rumänisches Geld in DM eintauschen und so war die DM im schwarzen Kurs sehr hoch. Damals wurde der Besitzen von harter Währung mit Gefängnis bestraft.

Gefährlich war es, wenn sich manch einer etwas zu viel hinter die Binde gegossen hatte und politische Gespräche führen wollte, um uns zu belehren, dass man doch Streiks machen soll, um seine Menschenrechte einzuholen. Man wusste nie, ob man es nicht mit einem Provokateuren zu tun hatte und man ins offene Messer lief.

Im Jahr darauf bekam Marianne einen Arbeitsplatz in der Schulerau bei Kronstadt als Reiseleiterin für die DDR-Jugendtouristen. Sie machte viele Ausflüge in die Umgebung, wobei sie besonders bedacht war, sie in unsere sächsischen Dörfer zu führen, wo sie die Kirchenburgen besuchten und Kontakt zu der sächsischen Bevölkerung bekamen.

Durch den darauf folgendem Briefkontakt entstanden langlebige Freundschaften. Auch heute, nach 40 Jahren, pflegen wir und andere die damals geschlossenen Freundschaften. Öfters bekamen wir von den Freunden dieser Freunde aus der DDR Besuch, mit ihnen machten wir dann verschiedene Ausflüge. Dass einige mit ihren Autos ankamen freute uns ganz besonders, da wir uns kein Auto leisten konnten und somit auch andere kulturell wichtige kunsthistorische Ortschaften erreichen konnten.

So kam es, dass uns 1973 Familie Kühn aus Chemnitz mit ihrem Trabbi besuchte.

„Willi, wohin fahren wir diesmal?“ Ich sah mir die große Rumänien-Landkarte im Kinderzimmer an: Ja, da wäre noch manches zu sehen, was für mich bis dahin unerreichbar war. „Also, diesmal besichtigen wir die rumänischen Klöster an der Südseite der Karpaten.“ Gesagt, getan!

Diese Klöster sind gleichzeitig kleine Befestigungen, wohin sich einst die Walachen (so hießen die Rumänen bis im 19. Jahrhundert) vor den räuberischen Horden des Balkans flüchteten. Durch die Orthodoxie haben sie wunderbare Fresken im byzantinischen Stil.

Also packte ich mein Einmannzelt und fuhr mit ihnen los. Marianne, angestellt bei der Schwarzen Kirche, hatte keinen Urlaub mehr und konnte auch wegen den zwei kleinen Kindern nicht mitkommen.

Wir durchquerten bei Törzburg (von den Kronstädter erbaute Burg, die heute den Westtouristen als Draculaschloss angepriesen wird) die Karpaten und besuchten in Câmpulung die Überreste einer gotischen Kirche, dessen Chor heute als orthodoxe Kirche verwendet wird. Hier befindet sich ein Grabstein eines Comes, eine Bezeichnung, die nur in der Staatsverwaltung in Siebenbürgen und nicht in der Walachei geführt wurde. Der Grabstein ist, wie die Inschrift besagt, älter als die erste rumänische Staatsgründung. Danach ging es westwärts von Kloster zu Kloster, wobei wir auch das Kloster Curtea de Arges besuchten, wo die Frau des Baumeisters Manole lebendig eingemauert sein soll. Auf die Frage, ob man mir erlauben würde, mit der Isotopenstrahlenquelle unseres Labors aus der Flugzeugfabrik die Mauer zu durchleuchten, zeigte sich keine Begeisterung bei den orthodoxen Mönchen. Und weiter ging’s zur Pestera Muierii (Frauenhöhle), die im Mittelalter als Versteck diente. Sie wurde auch später gerne von Frauen aufgesucht, die hier in der Feuchtigkeit gut spinnen konnten.

So folgte ein Highlight dem andern. Die Chemnitzer schliefen im Trabbi, ich im Einmannzelt daneben. So kamen wir zum Schluss nach Turnu Severin, wo das riesengroße Donaustauwerk steht, das Jugoslawien und Rumänien gemeinsam gebaut haben und betreiben. Aus der Ferne sahen wir sehnsüchtig, wie Autos aus dem Westen über das Wehr ein- und ausfuhren. Hier besuchten wir das Ortsmuseum, wo es uns ein besonders Bilder der Donau-Enge (rum. Cazane) angetan hatten. Da gibt es eine Felswand, in die die Römer um das Jahr 100 n. Ch. eine große Inschrift anlässlich des Brückenbaus über die Donau eingehauen haben. Von hier marschierten sie auf Siebenbürgen zu, um Dakien zu erobern, um an die großen Goldvorkommen heranzukommen. Die und die Donauenge müssen wir sehen!

Die nächste Ortschaft war Orschowa.

Nun hier im Ort suchten wir den Einstieg in diese Straße, die aber leider durch das Stauwehr überschwemmt war. In einer Busstation sahen wir ein Mädchen, hielten an und erkundigten uns nach dem Weg. Als es sich herausstellte, dass sie den selben Weg hatte, luden wir sie zur Mitfahrt ein. Auf der Fahrt berichtete sie uns, dass ihr Heimatdorf auf höheres Terrain umgesiedelt worden war, wobei der Staat seiner Verpflichtung von Wohnungsneubauten nicht nachgekommen war.

Um eine Zeit kamen wir zu einem Wächterhäuschen. Der Grenzsoldat verlangte unsere Ausweise und zog sich zurück. Nachdem er längere Zeit nicht herauskam, ging ich zu ihm und frug, was los ist. „Haben wir ein Verkehrsschild übersehen?“ „Nein, Sie müssen aber hier bleiben, der wachhabende Offizier aus Orschowa will mit Ihnen sprechen.“ Um eine Zeit tauchten 2 Jeeps auf.

Als erstes wurden wir vier voneinander getrennt. Ich hörte auf der anderen Seite des Autos, wie das Mädchen ein paar Ohrfeigen bekam, laut aufschrie und weinte. „Wie kommst du dazu, Ausländer hier an die Grenze zu führen?“ „Wer hat dich angeheuert, u.s.w.“ Zum Schluss setzte sich einer der Offiziere für sie ein und sie konnte weinend zu Fuß weiter gehen. Wir wurden aufgefordert, mit ihnen nach Orschowa zu fahren, wobei ich in den Jeep einsteigen musste und meinen Platz im Trabbi einer der Offiziere einnahm.

In der Stadt angekommen parkten wir vor der Grenzgarnison. Als sich das Straßentor hinter uns schloss, wurde uns erklärt, dass wir nicht Besucher, sondern Gefangene seien. Jedem wurde eine bewaffnete Wache zugeteilt und das Sprechen verboten. Während wir durch das Haus gingen, sah ich durch eine halb offene Tür zwei Jugendliche nackt mit dem Gesicht zur Wand stehen. Na, das kann ja gut werden, dachte ich mir. Wir wurden voneinander getrennt und ich hörte Elfriede weinen, da die nervliche Belastung für sie zu groß war. Ich fühlte meinen Bauch und bat, austreten zu dürfen. „Wir müssen warten, bis ein Offizier vorbei kommt“, war die Antwort. Vom vorbeikommenden Offizieren lautete die Antwort: „Du begleitest den Mann, die Tür bleibt offen und pass auf, dass er nichts verschluckt.“

Nach längerem Warten wurde ich ins Verhörzimmer geführt. Vor mir saßen an einem Tisch vier Männer: ein Oberst der Grenzeinheit, ein Securitate-Offizier, ein Zivilist (Staatsanwalt ?) und ein Parteibonze. Im Raum befanden sich noch ein Soldat als Übersetzer und eine Schreibkraft.

Zuerst wurden meine Personalien aufgenommen und gefragt, ob ich krank sei, was ich verneinte, ob ich die rumänische Sprache beherrschte, was ich bejahte. Der Oberst überreichte mir ein Büchlein und befahl mir, eine Seite laut zu lesen. Es war ein Gesetzesartikel, der folgendes vorsah: dass wenn der Delinquent von sich aus einen Beitrag zur Lösung des Deliktes leistet, dieses auf seine Bestrafung mildernd wirkt. „Lesen Sie es noch einmal“, wurde ich im harschen Ton angefahren. „Lauter! Noch einmal lesen! Lauter!“ Mein Herz pochte schneller. Dann kam die nächste Frage: „Warum seid ihr hergekommen?“ „Wir wollten die Cazane sehen!“ war meine Antwort. „Wer von euch hat den Vorschlag gemacht, her zu kommen?“ Ich stand da, ich wusste es nicht. Wir hatten uns bei der Ansicht der Bilder im Museum beim Staudamm entschlossen. War ich es gewesen? Waren es die anderen gewesen? Ich erinnerte mich nicht mehr. Und dann prasselten schon die nächsten Fragen auf mich ein. Wo arbeite ich, was arbeite ich? Leben die Eltern, was waren die vor dem 23. August? Die Fragen kamen immer schneller und fast gleichzeitig. Durch die Bemühung, richtig zu antworten, wurde ich immer mehr eingeschüchtert, gestresst. Und dann musste ich wieder das Gesetz laut vorlesen. Ich gab mir Rechenschaft, diese Leute können mit mir machen, was sie wollten und schwieg einfach, während ich weiter angebrüllt und mit Fragen überhäuft wurde. Dann platzte mir der Kragen: „Was habe ich verbrochen? Hab ich ein Schild mit Fahrverbot übersehen? Wir sind doch einfach auf einer öffentlichen Straße an der Donau entlang gefahren. Wenn man da nicht fahren darf, warum haben Sie kein Fahrverbotsschild aufgestellt?“, schrie ich. „Sagen Sie uns nicht, was zu tun ist, beantworten Sie unsere Fragen“, war ihre Antwort. Und weiter prasselten Fragen auf mich ein. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist war die Frage nach meiner Schuhgröße.

Zum Abschluss fragten sie mich was ich zu sagen habe. Meine Antwort war: „Wir wollten als Touristen die Donau-Enge und ein nationales Denkmal welches wir aus Publikationen kennen sehen“. „Ich bin mir keines Vergehens bewusst! Und ich muss übermorgen in der Flugzeugfabrik in Kronstadt sein, sonst muss das Unternehmen Strafgebühren wegen Nichteinhaltung eines Termins an Frankreich zahlen“. Letzteres war eine Notlüge. „Morgen sehen wir uns im Gefängnis!“, war das letzte, was ich vom Staatsanwalt zu hören bekam, und dann wurde ich hinausgeführt.

Nun stellte ich mir die Frage; was war für sie der verdächtige Anlass, uns zu verhaften? Dabei kam ich zur folgender Feststellung: Ein Grenzposten hatte in einem bewachten Grenzgebiet ein Auto aus der DDR angehalten und festgestellt, dass sich da zwei DDR-Bürger, ein rumänischer Staatsbürger deutscher Nationalität, welcher die rumänische Sprache beherrscht, und eine im Grenzgebiet ansässige rumänische Person befanden. Das genügte für eine Festnahme.

Nach diesem Verhör hatten sie mich soweit gebracht, dass ich mir die Frage stellte, ob meine Freunde aus der DDR es nicht eingeplant hatten, dass wir an die Donau kommen sollen, um vielleicht einen Grenzübertritt zu wagen. Die Grenze wurde hier an der Donau nur von Grenzsoldaten bewacht. Wir haben unterwegs keine Grenzverhaue gesehen.

Ich frug im Flüsterton meinen Bewacher, wie viel Gefängnis mir für einen Fluchtversuch zusteht. Er flüsterte „6 Monate“. Nun ja, ich hatte zwei Jahre Zwangsarbeit hinter mir. Sechs Monate werden auch bald vorüber sein und ich hatte eine neue Lebenserfahrung.

Jürgen kam an die Reihe. Bei seiner Aktendurchsicht und Vernehmung stellte man fest, dass er den Einreisebeleg des Autos nicht vorweisen konnte. Er hatte ihn im Restgepäck bei uns in Kronstadt gelassen, damit im extremen Fall, falls ihm sein Auto geraubt oder gestohlen worden wäre, er beweisen kann, dass er mit einem Trabbi eingereist ist.

Ich wurde hereingeholt und gefragt, ob das stimme. Ich sagte ihnen, dass ich darüber nicht Bescheid weiß, aber wenn das so ist, könnte ich meine Frau anrufen und sie bitten, den Nachweis zu einer von ihnen bestimmten Behörde zu bringen, die die Existenz dieses Beweises bestätigt. Die Antwort kam, ich solle ihnen nicht sagen, was sie zu tun haben. Wir waren ihrer Willkür einfach ausgeliefert.

Elfriede hörte ich bei der Vernehmung nur weinen. Nachdem sie vernommen wurde, hörte ich einen sagen, dass sie den Trabbi untersuchen sollen. Ein Anderer entgegnete, es sei nicht angebracht, ein ausländisches Auto zu untersuchen. Mir kam erschreckend zum Bewusstsein, dass wir im Auto eine einfache Luftmatratze für mein Zelt und eine doppelte Luftmatratze, auf der sie im Trabi schliefen, hatten. Ich hatte für alle Fälle auch meinen Marschkompass und erlaubtes Kartenmaterial mitgenommen. Ja, dieses alles hätte man uns als Mittel für einen Fluchtversuch an der Donau auslegen können.

Um eine Zeit kam der Dolmetscher an mir vorbei und flüsterte: „Die Drähte schwirren!“ Nun war ich beruhigt. Marianne wird wissen, dass wir irgendwo an der Donau verhaftet wurden und nicht irgendwo in einer Schlucht in den Karpaten abgestürzt sind. Die Verhaftungen der Securitate erfolgten nicht mit der Verständigung der Familie. Wir hatten es selber erlebt, als ein Verwandter nach dem Erzählen eines politischen Witzes in der Fabrik am Heimweg verhaftet und 6 Monate eingesperrt wurde. Seiner Frau wurde trotz aller Bemühungen nichts von seiner Verhaftung gesagt. Ein aus dem Gefängnis entlassener flüsterte ihr zu, dass ihr Mann sich in Jilava bei Bukarest im Gefängnis befand.....................

Weiter im Text in einem meiner beiden Bücher:

Die Deutschen in Rumänien Band II oder III

die im Oktober 2011 erscheinen werden.

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