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Zeitzeugen berichten



Die Deutschen aus Rumänien

Zeitzeugenberichte (Band 5) Banater Post Nr. 23-24 Seite 13 vom 10.12.2012

Der vorliegende fünfte Band schließt die von Wilhelm Ernst Roth herausgegebene Reihe von Zeitzeugenberichten ab, die insgesamt rund 1500 Seiten umfassen.

In diesen Beiträgen werden zumeist persönliche Erfahrungen und Erlebnisse, aber auch Geschichten und Reflexionen von Menschen festgehalten, die vom alltäglichen Leben, von der Kultur und insbesondere vom Leiden der Deutschen aus Rumänien, von Grundzügen ihres individuellen und kollektiven Schicksals im für sie vielfach wechselhaften und schwierigen 20. Jahrhundert berichten. Dabei wird Wichtiges authentisch festgehalten, das in der persönlichen Erinnerung und mithin auch im kollektiven Gedächtnis allmählich zu verblassen beginnt.

In dem Band, der insgesamt 19 kürzere und längere Beiträge versammelt, finden sich vielfach, aber nicht ausschließlich Zeitzeugenberichte im eigentlichen Sinne, auch die zweier Banater. Der aus Tschakowa stammende Wilhelm Josef Merschdorf (geb.1925) spannt den Bogen seines Berichtes von der Deportation in den Baragan bis zur Ausreise aus der Ceausescu-Diktatur und der Eingliederung in Deutschland. Von der lebhaften Kindheit und dem alltäglichen Leben in Steierdorf, im Banaler Bergland, aber auch vom Vater beim rumänischen Militär im Krieg, von der Verbringung nach Schlesien und Österreich, von der Rückkehr in das Heimatdorf 1945, dem von Arbeit und Not geprägten Alltag im Dorf, insbesondere in den schweren Nachkriegszeiten, erzählt Raimund Mastyuk (geb.1933) recht anschaulich.

Der autobiographische „Nachlass" von Johann Theil (geb. 1911 in Schönau, gest. 1991). geht auf Erlebnisse und Erfahrungen der Kriegsbeteiligung als rumänischer Soldat und SS-Angehöriger, als Kriegsgefangener in Jugoslawien sowie als Häftling bei der Heimkehr nach Rumänien ein.

In den weiteren, zum Teil recht lebendig und anschaulich geschriebenen Zeitzeugenberichten im engeren Sinne geht es bei Sara Kirschner, geb. Miess (geb. 1922 in Schönau) um die Russlanddeportation zusammen mit ihrer Schwester und die schwierige Zeit danach. Der kurze Beitrag von John Zakel (geb. 1926 in Großalisch) behandelt ebenfalls die Verschleppung nach Russland und die spätere Auswanderung nach Kanada. Mary Paul, geb. Grum (geb. 1931 in Deutsch-Zepling), die ihr Lebensweg gleichfalls nach Kanada führte, berichtet gerafft von ihrer Kindheit, von Krieg und Flucht und ihrer späteren transatlantischen Umsiedlung.

In den Ausführungen von Horst Bonfert (geb. 1932 in Kronstadt) wird die Flucht als Kind vor der voranrückenden Front, die Ankunft in Deutschland, die Besatzungszeit und die Rückkehr nach Rumänien geschildert.

Winfried Bretz (geb. 1936 in Mühlbach) erinnert an die vielfältigen Erpressungen und Schikanen, die mit seiner Ausreise aus Rumänien verbunden waren.

Auf Zwangsevakuierungen, Enteignungen und anderen Diskriminierungen und Repressionen gegenüber den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg geht der 1937 in Kronstadt geborene Christof Hannack am Beispiel der eigenen Familie und anderer ein.

Der Beitrag von Michael Orend (geb. 1928 in Deutsch-Weißkirch) vermittelt nicht nur einen biographischen Abriss, in dem die Russlandverschleppung, Rückkehr, Repressionen, spätere Fluchtversuche und die Aussiedlung in die Bundesrepublik Deutschland dargestellt werden, sondern er spricht auch die bis heute unbefriedigend geklärten Fragen der Bodenrestitution in Rumänien an.

Zwar nur auf einer Seite, dafür aber aufschlussreich und eindrucksvoll, zeigt Konrad Lehrer (geb. 1942 in Mediasch), wie heimtückisch und menschenverachtend die Securitate auch in den frühen siebziger Jahren vorgegangen ist.

Neben den von Deutschen aus Rumänien verfassten Zeitzeugenberichten im engeren Sinne umfasst der Band noch weitere Beiträge. So geht der erste Text von Dr. Ralf Meindel (geb. 1971 in Speyer) auf einen kürzlich in Bad Kissingen gehaltenen Vortrag zum „Umgang mit dem Phänomen Zeitzeuge“ zurück, Darin finden sich kompetente Überlegungen zur Relevanz, zur Aussagekraft wie auch zu den Grenzen und Fallstricken von Zeitzeugenberichten.

Beim vorletzten Beitrag des Bandes von Dietrich Weber (geb. 1937 in Schirkanyen) wiederum handelt es um ein Gedicht mit dem vertrauten nostalgischen Titel „Wo meine Wiege stand“.

Der Herausgeber Wilhelm Ernst Roth selbst steuert dem Band einen kurzen einleitenden Beitrag zu einer Broschüre zur Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen sowie einen abschließenden Beitrag zur „Erstellung von Zeitzeugnissen“, also gleichsam einen „Werkstattbericht“ zu seinen Anliegen und seiner gemeinsam mit seiner Frau Marianne getätigten Arbeit bei.

Von Dr. Wilhelm Bruckner (geb. 1921 in Hermannstadt) findet sich ein sachkundiger, stellenweise etwas pathetischer wie mitunter auch zugespitzt wertender Überblick zur Geschichte der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in dem Band.

Ebenfalls abgedruckt wurde eine 2005 gehaltene Gedenkrede am Mahnmal der Siebenbürger Sachsen von Helmut Beer (geb. 1934 in Zeiden).

Etwas aus dem Rahmen fällt auch der Beitrag von Dr. Helmut Protze (geb. 1927 bei Bad Schandau), der aus der Sicht eines in der DDR tätigen Geisteswissenschaftlers Erinnerungen an seine wiederholten Aufenthalte in Rumänien seit 1956 vorstellt.

Zum Wirken der Stasi in Siebenbürgen schreibt der bekannte Fachmann auf diesem Gebiet, Dr. Georg Herbstritt (geb. 1965 in Schluchsee/Schwarzwald), wie immer quellenmäßig akribisch belegt und sachlich kompetent.

Die in diesem Band dokumentierten Zeitzeugenberichte lassen ganz spezifische, von subjektiven Erfahrungen wie auch von kollektiven Verarbeitungsprozessen, Deutungsmustern und Wertungen geprägte Blicke und Einblicke in das Zeitgeschehen erkennen. Auch und nicht zuletzt in diesem Sinne ist der fünfte Band wie die gesamte Reihe auch für wissenschaftliche Sekundäranalysen gehaltvoll und nützlich.

Anton Sterbling

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Prof. Dr. Anton Sterbling
Fachhochschule für Polizei Sachsen, Professur für Soziologie