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Rezension

"Die Deutschen in Rumänien" Band III

Gudrun Schuster
Siebenbürgische Zeitung vom 31. Januar 2012, Seite 10, unten.





Von der Leidenschaft des Dokumentierens getrieben
Lebensgeschichten von Rumäniendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg

Bereits drei Sammelbände mit Zeugenberichten über die Lebensgeschichten von Rumäniendeutschen von 1943/44 bis 2011 hat der in Augsburg lebende Wilhelm Ernst Roth im Selbstverlag, also aus eigenen Mitteln, herausgebracht, am vierten arbeitet er gerade. Freunden und Bekannten ist er als „der Willi Roth“ aus Kronstadt in Erinnerung, der mit seiner Kamera und seinem Tonbandgerät unermüdlich unterwegs war, um wichtige Kulturereignisse seiner Landsleute festzuhalten, die besonders in den endsiebziger Jahren einen Aufschwung erlebten. Seine Dia-Ton-Montagen über Brauchtumsveranstaltungen wie Trachtenfeste, Urzellaufen in Agnetheln, das kurzzeitig aufgelebte Honterusfest u.a. führte er seinerzeit einem größeren Publikumskreis im Rahmen der sogenannten Volksuniversitäten vor. Auch die Qualität der alten Aufnahmen von vor über 30 Jahren, inzwischen auf CDs gebrannt, hat dokumentarischen Wert wie die fotografierten Szenen selber: Bilder aus einem anderen Jahrhundert, aus einer gespenstisch anmutenden Zeit.

Nun hat sich der umtriebige und unermüdliche Mann auch ans Büchermachen herangewagt, das dem gleichen Zweck dienen will, dem Festhalten von Vergänglich-Vergangenem. Dem Band über „Zwangsarbeit“ in Rumänien zwischen 1950 und 1961, die als Wehrdienst getarnt wurde, folgten kurz nacheinander Band II und III mit Zeitzeugenberichten über die Jahre 1943-2011. Der jüngst erschienene dritte Band enthält weitere 35 Beiträge über das Schicksal von Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben und anderer Volksangehöriger während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie leben heute in Deutschland, aber auch in Kanada und Australien, ein Verfasser lebt in Siebenbürgen. Die Autoren (sie gehören ganz unterschiedlichen Berufsgruppen an) schildern in ihren Beiträgen vor allem Umstände und Motive ihrer Auswanderung aus der angestammten Heimat sowie ihre Ankunft in einem anderen Land. Thematisch kreisen die Texte um die bereits in einschlägiger Fachliteratur beschriebenen Kriegsfolgen für die Rumäniendeutschen wie Deportation, Enteignung, politische Rechtlosigkeit, Behördenwillkür und -übergriffe, Generalschuldzuweisungen, Diskriminierung, sozialer Wandel vom Bauerntum zum Industriearbeitertum. Mehrere Texte schildern die mit ihrer Ausreise verbundenen Begleitumstände: Hinhaltetaktik der Behörden, den demütigenden Umgang mit den Antragsstellern, Bestechungstaktiken, Geldzahlungen im In- und Ausland, Schikanen aller Art, Angst vor der Verfolgung durch die Securitate, Ausweichen in opportunistisches Verhalten zwecks Zielerreichung, Haushaltsauflösungs- und Abschiedsszenarien, nicht selten aber auch Hinweise auf freundschaftliches Verhalten rumänischer Arbeitskollegen und Nachbarn in einem inzwischen sehr durchmischten sozialen Umfeld, demgegenüber auch Kritik an eigenen Verwandten oder „Stammesgenossen“. Im Zusammenhang mit der Ankunft in „der neuen Heimat“ werden neben der Schilderung von Kulturschockerlebnissen und stellenweise auch Enttäuschung über das „gelobte Land“ überwiegend positive Kommentare über Aufnahme, Eingliederung, berufliche Umorientierung abgegeben, wiewohl auch das Fazit „Zuhause ja, aber Heimat nicht“ des Öfteren zu lesen ist, trotz des Lobes von Freiheit und Demokratie. Die Erzählhaltung der Verfasser schwankt zwischen bemerkenswerter Versöhnlichkeit mit der eigenen Schicksalsgeschichte über Bitterkeit, Wehmut und idyllischer Verklärung von Vergangenheit bis zu Unversöhnlichkeit nach erlittenem Unrecht und ideologischer Fragwürdigkeit. Auch die Kunst des Erzählens ist unterschiedlich: Von sachlichen Darstellungen über ausufernde bis zu ausgesprochen gelungenen und „unter die Haut gehenden“ Schilderungen dramatischer Lebensläufe und -geschichten.

Als „oral history“ bezeichnet der Herausgeber (Jahrgang 1937) seine Sammlungen, als einen „Nachlass unserer Generation an die Nachkommen. Die Erlebnisgeneration, zu der auch ich gehöre, wird sie als Ergänzung oder Bestätigung eigener Erfahrungen lesen oder auch in Opposition dazu kritisch hinterfragen. Historiker können sie zu offiziellen Quellen gegenlesen. Großen Gewinn könnten vor allem Psychologen und Soziologen haben, indem sie reichlich Material für ihre Untersuchungen zu Bewältigungsstrategien dramatischer sozialer Umbrüche und damit verbundener Demoralisierung und Traumata oder auch Massenpsychosen finden.

Bei dem sicherlich lobenswerten Unternehmen, Zeugnisse der „oral history" zu sammeln und herauszugeben, wäre es sinnvoll gewesen, dass Ernst Wilhelm Roth sich jedoch zuerst mehrere Fragen durch den Kopf gehen gelassen und Probleme bedacht hätte, wenn die Textsammlungen auch von Fachleuten ernst genommen werden sollen: Nach welchen Kriterien werden Texte ausgewählt, sollen alle aufgenommen werden, selbst wenn Sachverhalte immer wieder wiederholt werden? Wie ordnet und systematisiert man sehr unterschiedliche Beiträge und auch Textsorten (subjektive Zeugnisse, dann auch Zeitungsausschnitte, offizielle Verlautbarungen, Briefe, Reden etc., die thematisch zu den individuellen Berichten passen) in einem Druckwerk? Wie viel Eingriff sollte erlaubt sein (vor allem wenn eindeutige Sprach- und Stilfehler darin vorkommen)? Wie viele Fußnoten, Erläuterungen, Anmerkungen sind nötig, damit auch Außenstehende die geschilderten Situationen verstehen können? Wie viele biografische Daten zu den Verfassern sind zum besseren Verständnis ihrer Geschichte nötig? Sollen alle Texte aufgenommen werden in immer neue Bände, die möglicherweise keiner mehr lesen will? Wenn das Sammelwerk, wie der Herausgeber hofft, der nachfolgenden Generation zu einem besseren Geschichtsverständnis dienen soll, wäre es vielleicht praktischer, weil zeitgemäßer, aus den eingeschickten Beiträgen ein elektronisches Buchwerk zu erstellen. Zudem wäre dem Herausgeber zu raten, dass er seine Bücher von professionellen Büchermachern redigieren und sich beraten lässt, bevor er sie in die Welt schickt.

Gudrun Schuster

Wilhelm Ernst Roth (Herausgeber): Die Deutschen in Rumänien: Band III: von 1944-2011. Die Zeit ist reif. Zeitzeugenberichte. Augsburg 2011, 239 Seiten, Preis 15,00 Euro, zu bestellen bei Wilhelm Ernst Roth, Telefon: (0821) 56 55 06, E-Mail: wilhelm.roth@gmx.de

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Zudem wäre dem Herausgeber zu raten, dass er seine Bücher von professionellen Büchermachern redigieren und sich beraten lässt, bevor er sie in die Welt schickt.
Gudrun Schuster

Was solls, Geschmack und Ohrfeigen sind halt verschieden.

Für die ersten zwei Bücher "Zwangsarbeit in Rumänien 1950-1961" und "Die Deutschen in Rumänien 1943-1953", habe ich mir einfach ein Buch aus den Schrank genommen und das Layout danach zusammengestellt und von Germanisten orthografisch korrigieren lassen.

Band II und III der Bücher "Die Deutschen in Rumänien" wurden von einer bei den Fachkräften bekannten professionellen Büchermacherin nach meinen Vorgaben redigiert.

Frau Gudrun Schuster hat eine andere Meinung über die Redigierung so eines Werkes.

In diese Bücherreihe gehören nach meiner Meinung keine: durch-, be-, überarbeiteten gefeilten, geschliffenen, sprachlichen besser gestalteten, abgerundeten Texte. Es sind reine Zeitzeugenaussagen die ich auf meine Plattform gestellt habe. Die Welt kann sie auch nach Jarhunderten aus ihren sich immer wieder verändernden Blickwinkel analisierern, subtrahieren, dividieren. Dem Lesen dieses Werkes stelle ich frei sich ein unbeeinflusstes Bild der Zeitzeugenenaussagen selber zu machen.