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Kulturaktivität
Januar, Februar 1981.

Pokerspiel:
Politisches Gefängnis
oder Aussiedlung.

Kulturaktivität
März, April, Mai 1981.

Interview mit R. L.
Vortrag in Pretai
Vortrag in Hermannstadt Meine Stimme verkrampft sich

Kulturaktivität
Juni, Juli 1981.

Zwei dritte Preise in der Endphase des Landesfestivals "Preis dir Rumänien."

Kulturaktivität
Aug. Sept. Okt 1981.

Genehmigung der gemeinsamen Aussiedlung mit meinen Eltern
Magenoperation.

Kulturaktivität
Nov. Dez. 1981.

Maria Gierlich-Gräf.
Der finanzielle Wert
eines Diaporamas
Gedanken zum Jahresende
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Kulturaktivität: Januar, Februar 1981

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Januar 1981


Ich hatte mir vorgenommen, nicht nur in einigen, sondern in allen deutschen Dörfern um Kronstadt meine Vorführungen zu halten. Vielleicht wird jemand durch meine Dia-Tonmontagen angeregt eine zusätzliche kulturelle Gruppe zu gründen.

Eine Kulturgruppe, in unserm Fall, war ein Sammelpunkt von Angehörigen einer Minderheit, die zu ihrer Festigung und Öffentlichkeitsarbeit beitrug und somit ihre Identität vor einer frühen Auflösung in einer anderen Volksgruppe bewahrte.

Anfang Januar nahm ich Kontakt zu einem deutschen Lehrer in Wolkendorf auf, der mir seinerseits mit der rumänischen Kulturverantwortlichen des Dorfes eine Vortragsmöglichkeit organisierte. Sie fertigten ein Plakat in rumänischer Sprache an und stellten es 2 Tage vor dem Saal (Kinosaal?) aus.

Als ich mit dem Bus ankam saßen sie zu dritt im ungeheizten Raum. Da niemand dazukam, ging ich auf die Straße und sprach eine Gruppe von Sachsen, die vorbeikamen, an. "Es tut uns leid, wir haben jetzt Kirchenchor", bekam ich zur Antwort.

Zu viert sind wir geblieben.

War es das Zeidner Kronenfest der Sachsen aus dem Nachbarort welches die Rumänen nicht interessierte, weil niemand kam, oder das in rumänischer Sprache verfasste Plakat, dass die Sachsen dachten es sei eine rumänische Veranstaltung zu der man nur gezwungen ging?

Einen Monat später habe ich meinen Vortrag den Gästen des ev. Kirchenheims in Wolkendorf vorgeführt, wo auch der Ortspfarrer anwesend war. Er bedauerte, dass die Dorfbewohner außer dem einen Plakat nicht verständigt worden waren.

Die Heimfahrt nach Kronstadt war auch ein Problem, da es um die Zeit keinen Bus mehr gab, der mich nach Kronstadt brachte.

Dieses war das einzige Mal dass mir so etwas passiert ist.

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Meine Erfahrung und das Bewusstsein, dass ich ein Medium zur guten Einsicht in die Kultur der Sieb. Sachsen geschaffen hatte, welches guten Anklang fand, brachte mich auf den Gedanken eine Ausfahrt jenseits der Grenzen zu versuchen. Als politisch Gestempelter blieb mir nur unser "Bruderstaat DDR" zur Wahl.

Gemäß dem Spruch "Hilf dir selbst, so hilft dir Gott", kontaktierte ich alle mir bekannten und unbekannten Persönlichkeiten der Kunst und Politik, die meine Sprache sprachen, von denen ich glaubte, dass sie mich dabei unterstützen könnten und bat um eine Vermittlung. Aber leider zogen alle den Schwanz ein.

Und dann flüsterte mir jemand zu. Schreib doch unserm großen Dichter FRANZ JOHANNES BULHARD. Seine Frau, Deine ehemalige Russischlehrerin gibt dem Botschaftspersonal der DDR in Bukarest Russischstunden.

Ob die sich für mich einsetzen würde? Wir zwei hatten uns ganz besonders gequält. Ich, der nicht Russisch lernen wollte, weil mein Vater zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt worden war, und sie, weil sie mir helfen wollte in der Schule weiterzukommen.

Es war so weit gekommen, dass ich in Russisch Nachprüfung (die einzige in meinem Leben) geben musste, wobei sie mich mit einem blauen Auge davonkommen ließ.

Seither waren 29 Jahre vergangen.

Heute tut es mir leid, dass ich mich gesträubt hatte, Russisch zu lernen.

Also den Genossen Franz Bulhardt kontaktiert und nach einigen Tagen kam dieses Schreiben.



Juche!!!!!!!
Mit Patentanmeldungen eigener Erfindungen hatte ich mich in den letzen Jahren nicht mehr befasst. So war ich nicht mehr Staatsgeheimnisträger. Mit anderen Worten waren meine Chancen uns Sachsen in der DDR zu präsentieren nicht einmal so schlecht. Dazu hatten wir noch viele Adressen von ehemaligen Jugendtouristen die Marianne offiziell in der Schulerau als Reiseleiterin betreut hatte.

Vorher musste aber noch weiter Kultur vermittelt werden.



Vorträge im Januar:

22. Jan. in Kronstadt

27. Jan. in Reps

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Februar

Vorträge:

04. Feb. Foto-club Brasov

10. Feb. Ev. Lutherische Gemeinde Bukarest

11. Feb. Botschaft der DDR. Bukarest

14. Feb. C. Arbeitskreis für Volks- und Heimatkunde Zeiden

17. Feb. Volksuniversität Mediasch



Die Vorträge der Volksuniversitäten waren hoch im Kurs, so dass man Abos anbot.



Nach dem Vortragsabend in Mediasch übernachtete ich bei Freunden,



dabei wurde ich eingeladen im Unterhaltungskeller der Zeckescher Nachbarschaft meine
Dia-Tonvorführung zu wiederholen.

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Gleichzeitig hatte ich bei der AAF (Verband der Kunstfotografen Rumäniens) ein Eisen im Feuer liegen. Ich wollte mir Rückendeckung beim Fotografieren unserer sächsischen Kirchenburgen verschaffen.

Das Gesetz, welches das Fotografieren reglementierte, sah vor dass Kirchen nur mit Genehmigung des Patrimoniums (Amt für Landeskulturbesitz) und des Besitzers fotografiert werden dürfen.

Die Volkskundlerin Roswith Capesius, die oft ausländische Gruppen führte, erzählte mir, dass sie in solchen Fällen sich von der Gruppe entfernte, um die Leute vom Fotografieren nicht abhalten zu müssen. Ihr lag die Verbreitung des Wissens über unsere sächsische Kultur an erster Stelle im Herzen.



VERBAND der KUNSTFOTOGRAFEN der Sozialistischen Republik Rumänien.

Lieber Herr Roth, (Als Herr in Rumänien angesprochen zu werden war ein Vergehen)

Bestätige mit Dank den Erhalt ihres Briefes vom 13.01.1981.......

Was das Fotografieren betrifft, obwohl es Gesetze mit Konsequenzen gibt, Gesetze, die auch Sie kennen, werden sie nicht respektiert und so machen wir Ihnen den Vorschlag, uns mitzuteilen, was sie fotografieren wollen und wir werden für jeden einzelnen Fall die nötigen Anträge für sie erstellen.

Wir weisen darauf hin, dass Sie nicht der einzige Fall sind, der uns diese signalisiert. Unsererseits haben auch wir darauf hingewiesen und die Antwort erhalten, welche wir ihnen früher vermittelt haben.......

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In dem Antrag wurde verlangt: weswegen, wofür und wann ich vor hatte zu fotografieren. Dieses alles für jeden Gegenstand, den ich fotografieren wollte, der unserer sächsischen Kirche gehörte, konnte ich nicht machen, da ich kein Auto und keine Freizeit hatte, sondern nur sporadisch mich bei verschiedenen Gelegenheiten in verschiedenen Ortschaften aufhielt.

Ohne Genehmigung zu fotografieren war riskant.

Ein Kollege H. Widmann aus unseren Fotoklub berichtete, dass er in Neustadt bei Kronstadt ein Hochzeitspaar vor dem Kirchenportal fotografiert hatte, und in schweres Bedrängnis gekommen war, da der Dorfpolizist darin ein Vergehen sah, da ein Kirchturm ein wichtiger topografischer Punkt ist, und somit militärische Bedeutung hat. Im Falle eines Angriffes der Kapitalisten hätte so eine Fotografie dem Feind einen großen strategischen Vorteil gebracht.

Der Hintergedanke des Dorfpolizisten war, dass das Gesetz vorsah, dass der Gegenstand mit dem ein Verbrechen begangen wird, eingezogen wird. Somit wollte er an die teure Fotoausrüstung herankommen.

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Aus dem Antwortschreiben geht hervor, dass ich mit meinem Anliegen nicht der einzige Kunstfotograf war.

Also waren meine vom Zufall abhängigen Fotosafaris vom Verständnis der Menschen, die ich vor Ort antraf, abhängig.

In Reps gab mir der Pfarrer den Schlüssel der Kirche und entschuldigte sich mit einem Augenzwinkern nicht mitkommen zu können. In Weidenbach hatte mich der Kurator in der Kirche nicht fotografieren lassen. Solche und andere Begebenheiten spielten sich ab.

Heute bin ich froh, dass ich Zeitdokumente schaffen konnte, wo ich Menschen mit Verständnis für meine Tätigkeit gefunden habe.

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Und dann kam der große Tag 11. Februar 1981.

Am 10. Februar hatte ich im vollen Saal der ev. Stadtpfarrgemeinde in Bukarest meine Vorführung, vor einem zahlreichen, dankbarem Publikum, über die „Volksbräuche der Siebenbürger Sachsen“ gehalten.

Am 11. Februar in der Abenddämmerung wurde ich von einem Auto der Botschaft abgeholt, welches in die Botschaft hinein fuhr, wo wir meine Apparatur ausluden. Als Vorführungsraum hatte man die Eingangshalle ausgewählt. Ich war kaum mit der Aufstellung meiner Geräte fertig, so war der Raum voller DDR-Bürger. Sogar die Stufen zum ersten Stock waren belegt. Einzig um den Botschafter war ein kleiner Freiraum.

Herr Franz Johannes Bulhardt stellte mich vor. Ich zeigte Fastnachtbräuche und Kronenfeste meiner Landsleute, was mit großem Interesse angenommen wurde.

Am Ende der Vorführung versprach ich, die Botschaft zu verständigen wenn es besondere Kulturveranstaltungen in Siebenbürgen gäbe, damit sie von Interessenten besucht werden könnten.

Beim Umtrunk kam ich ins Gespräch mit dem Kulturattaché der DDR, dem ich meinen Wunsch das hier Vorgeführte auch in der DDR zeigen zu wollen, vorbrachte.

Ich fand es komisch, dass sein Interesse nicht der deutschen Kultur in Rumänien galt, sondern was für Flugzeuge in der Fabrik, in der ich arbeitete, gebaut wurden. Es war mir einfach peinlich wie er mich bedrängte. Selbstverständlich hat er von mir nichts zu hören bekommen.

Spionieren sich die Bruderstaaten aus? Ja ,sie spionierten sich gegenseitig aus, wie ich später in der BRD erfahren habe.

Meinem Anliegen einer Einladung auf der kultureller Ebene eines Kulturaustausches stand nichts im Weg, außer dass diese erst für das Jahr 1982 erfolgen könnte.

Geschafft, dachte ich mir.

F. J. Bulhardt kam auch in die Gesprächsrunde und bat für sich um eine Einladung noch im selben Jahr nach Berlin, wo er über die Arbeiten des Architekten Schinkel, der Berlin geprägt hat, an Ort und stelle Einsicht nehmen wollte, um darüber in Rumänien zu berichten.

In der Nacht fuhr ich mit dem Zug nach Hause und ging nachmittags zur Arbeit.

Tags darauf erhielt ich im Dienst einen Anruf. Jemand wollte mich sprechen. Wann könnte er bei mir zu Hause vorbeikommen?

Wir machten den folgenden Nachmittag aus.

Allzu gut haben wir, Marianne und ich, nicht geschlafen. Am folgenden Nachmittag ging Marianne mit den Kindern außer Haus und ich empfing meinen Besucher.

Frage: „Wie konnten Sie so etwas tun, in einer fremden Botschaft Ausländern Dias über Rumänien zu zeigen?“

"Was ich gezeigt habe, ist vom Kreiskomitee für kulturelle und sozialistische Erziehung gesichtet und für gut befunden worden. Auch habe ich mit meinen Arbeiten auf Landesebene beim Festival „Preis dir Rumänien“ Erstplätze erzielt. Somit stimmt nach meiner Ansicht alles."

Ich hatte mich vorsorglich gut zugedeckt und Zeitungsberichte gesammelt.

Ich zeigte ihm mein Album, wo ich meine gesammelten Zeitungsanzeigen, Fotografien und Diplome von meiner Kulturaktivität gesammelt hatte.
Auch erzählte ich ihm, dass ich vorgesehen bin für einen Länderkulturaustausch DDR - Rumänien für das Jahr 1982.

Nachdem wir uns noch eingehend über die Siebenbürger Sachsen und die guten bilateralen Beziehungen im Laufe der Geschichte zwischen Rumänen und Sachsen unterhalten hatten, verabschiedete er sich mit dem Album unter dem Arm welches er seinem Vorgesetzten zeigen wollte.

Nach einigen Tagen brachte er mir das Album zurück und sagte, dass ich noch von ihm hören werde.

Und dann flatterte mir eine Einladung zur Polizei ins Haus.

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Zum besseren Verständnis hier einige Erklärungen:

1962 wollte der rumänische Staat wissen, wie viele Deutsche Rumänien verlassen wollen und hatte allen die Möglichkeit gegeben, Ausreiseanträge im Rahmen der Familienzusammenführung zu stellen.

Ich hatte drei Onkel, drei Tanten und drei Vettern im Westen, wegen welchen ich 22 Monate Zwangsarbeit leisten musste und andere Gründe von denen ich bisher einiges berichtet habe, die zu dem Entschluss führten, Rumänien zu verlassen.

Über die Hälfte der Deutschen Rumäniens haben diese Anträge ausgefüllt, den für die Bearbeitung obligaten Obolus entrichtet und kurz darauf die Absage erhalten.

Rumänien wusste nun wie es um seine Deutschen stand und hatte gleichzeitig eine klare Übersicht über sie.
Dies führte so weit, dass in jedem Unternehmen bei der Personalabteilung über jeden Deutschen ein spezieller Ordner angelegt worden war.

Bemerkt hatte ich ihn erstmals beim Militär (Zwangsarbeitseinheit) danach beim Personalbüro der PTTR, wo er mir, weil er rot, zwischen den anderen weißen aufgefallen war.

In den folgenden Jahren sind wir manche Nacht vor dem Polizeigebäude gestanden, wenn es hieß, dass am nächsten Tag Antragsformulare ausgeteilt würden.

Es folgten immer wieder die Absagen. Die nächsten Anträge durfte man erst nach Monaten wieder stellen, aber die Antragsformulare dafür bekam man nur sporadisch.

Man schrieb sich in Audienzlisten ein, fuhr zu Audienzen nach Bukarest, von wo man so gescheit nach Hause kam, wie man hingereist war. Oft wurde man vertröstet, dass die Anträge weitergereicht würden und danach kam die Absage.

Langsam lichteten sich unsere Kreise, da Rumänien ein Quotenabkommen (11000 Deutschen pro Jahr die Anträge auf Familienzusammenführung zu genehmigen) mit der BRD hatte und ein Kopfgeld von 2000 DM erhielt; Quoten die jährlich überschritten wurden.

Schwerer war es, für die sächsische Landbevölkerung an Formulare heranzukommen, weil sie nur in einigen großen Städten ausgegeben wurden, was mit schwieriger Anfahrt und Unterkunft bei Bekannten verbunden war.

Einmal war ich dabei als nur einige Formulare in der Früh ausgegeben wurden. Als jemand die berechtigte Frage stellte, wann man wieder welche bekäme, wurde geantwortet: "Geht nach Hause. Wir werden euch verständigen." Der die Frage gestellt hatte, wollte sich damit nicht zufrieden geben und fragte, ob wir eine Adressenliste von den hier Anwesenden hinterlassen könnten, damit sie uns verständigten? Dieses hat genügt, dass er aus der Menge geholt und abgeführt wurde. Er soll, weil er sich getraut hatte den Mund aufzutun, furchtbar geschlagen worden sein.

So vergingen die Jahre. Manch einer saß, wie man sagte, auf gepackten Koffern und das sah man seiner Wohnung an.

Als wir 1970 mit unseren 2 Kindern endlich ins Elternhaus einziehen durften, da laut eines neuen Gesetzes, der Hausherr das Recht hatte, bei Freiwerdung einer Wohnung, den nächsten Mieter selber zu bestimmen, haben wir die Mühe nicht gescheut, die Wohnung dann selber auszubauen um menschlich leben zu können.

Es ist mir bekannt, dass Familien die Aussiedlungsgenehmigungen bekamen, nachdem sie ihr Haus auf Vordermann gebracht hatten, welches dann im Rahmen der Hackordnung bestimmten Leuten zugeteilt wurde. So machten wir auch unsere Witze, als wir mit dem Ausbau fertig waren.

Dabei haben wir nicht versäumt, bei jeder Gelegenheit, zusammen mit unseren Eltern, die Aussiedlungsanträge zu stellen.

Und nun hatte ich eine Vorladung zur Polizei.

Als ich mich beim Schalter meldete, wurde ich an einen Major verwiesen.

„Kronstadt hat die Aussiedlung ihrer Familie genehmigt, Herr Roth“ sagte er mit einem wohlwollenden Lächeln, wobei er mir die Hand reichte. Eine Geste, die ich bis dahin in seinen Audienzen nicht erlebt hatte.

„Ihre Unterlagen werden dieser Tage nach Bukarest weitergereicht. In 3 Monaten sind sie in Deutschland“.

Ich bedankte mich und ging hinaus.

Im Korridor musste ich mich an die Wand lehnen. Aussiedlung genehmigt!! genehmigt!!!! genehmigt!!! Ging es mir durch den Kopf.

Ich war so tief in meiner Umgebung verwurzelt, ich der noch so Vieles in der Zukunft vor hatte!!

Diese zwei Worte rissen mir einfach den Boden unter den Füßen weg.

Ja wartet mal, was hatte er gesagt? Ihre Familie? Und was war mit meiner Mutter und meinem Vater? Wir hatten doch immer die Antragsformulare zusammen eingegeben.

Zurück zum Polizeimajor.

„Meine Eltern? Wir haben zusammen die Anträge abgegeben.“

„Fahren sie jetzt ruhig. Suchen sie sich Arbeit und eine Wohnung, für sich und ihre Eltern. Bis derweil wird auch deren Antrag genehmigt und sie kommen ihnen nach.“

„Entschuldigen Sie bitte, ich habe 18 Jahre auf diesen Tag gewartet, ich warte noch 18, bis ich zusammen mit meinen Eltern aussiedeln darf. Ich bin ihr einziges Kind, ich kann meine alten Eltern nicht alleine lassen.“

Er sah mich ungläubig an. „Na gut, wenn Sie meinen!“

Er nahm nochmals meine Unterlagen in die Hand.
„In 2-3 Monaten kommt die Kommission wieder zusammen, dann wird die Ausreise ihrer Eltern auch genehmigt werden.“

In Gedanken ging ich nach Hause. Woher wusste er, dass, nachdem man meine Aussiedlung genehmigt hatte, man sie meinen Eltern auch bestimmt genehmigen wird? Einzige Antwort: man wollte mich loswerden.

Mein Name stand in den letzten Jahren fast wöchentlich in der Zeitung. Führende Köpfe wie Pfarrer und Lehrer in den Dörfern bekamen meist als erste die Aussiedlungsgenehmigung. Was das für eine Minderheit bedeutet, versteht nur einer, der es selber erlebt hat.

Nun waren auch wir so weit.

Die Vorhersage von Marianne war zu unseren Gunsten eingetroffen. Sie hatte prophezeit: „Man wird Dich einsperren oder man wird uns die Aussiedlung genehmigen.“

Ich hatte Kulturarbeit auf eigene Faust geleistet, ohne dafür angestellt und auf Linientreue durchleuchtet worden zu sein.

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Mehrmals war man im Betrieb an mich herangetreten, in die kommunistische Partei einzutreten.

Der jeweiligen Person, die geschickt wurde, stellte ich die Frage: "Ich sehe, ihr habt sehr oft eure Parteisitzungen. Dabei werden euch bestimmt die Direktiven der Partei vorgetragen. Kennen Sie als Parteimitglied die Geschichte der kommunistischen Partei Rumäniens?"

Verlegener Blick meines Anwerbers.
"Wissen Sie, wer der erste kommunistische Parteisekretär in Rumänien war?"

Schweigen.
"Der hieß Willi Roth. Wenn man das einmal öffentlich kundtut, dann ist der Moment gekommen, über meinen Eintritt in die Kommunistische Partei zu sprechen. Kommen sie dann wieder." Damit war ich den Anwerber frei.

Rumänien war damals stark national chauvinistisch ausgerichtet und es passte nicht zum heroischen ideologischen Bild der kommunistischen Partei, dass sie nicht von Rumänen gegründet worden war.

Ob der erste Sekretär wirklich Willi Roth geheißen hat, oder jemand im Spaß mir meinen Namen genannt hatte, weiß ich bis heute nicht. Aber der Erfolg war jedes mal sicher.

Mit der Zeit wird sich ein beträchtlicher Ordner bei der Securitate angesammelt haben und als ich auf eigene Faust bei der DDR Botschaft vorstellig geworden war, hatte ich eine Grenze überschritten. Der Staatsapparat hatte darauf reagiert und sich, zu unserem Glück, für unsere Aussiedlung entschieden!

Dadurch wurde ich aus der Öffentlichkeit gezogen und der rumänische Staat verdiente an unserer Aussiedlung noch 2.000 DM pro Kopf von der Bundesrepublik Deutschland anstatt mir kostenlos Essen, Quartier und Betreuung (im Gefängnis) zu sichern.

Seine Juden hatte der rumänische Staat in den sechziger Jahren zum größten Teil an Israel verkauft. Nun folgten nach einem Quotenabkommen mit der BRD seine Deutschen.

Ich hatte ein Pokerspiel ungewollt in Kauf genommen und zu meinen Gunsten gewonnen.

Am Tag danach wusste ich, was ich zu tun hatte.
Wie sagte Dr. Martin Luther? "Wenn ich morgen sterbe, so pflanze ich heute noch ein Bäumchen."
Wichtig war das Sammeln der kulturellen sächsischen Ereignisse bis zur letzte Minute.

Weiter Vorträge über sächsische Kultur halten.

Mein gesammeltes Material musste aus dem Land geschleust werden.

Schleusen? Ja, denn es waren Zeitdokumente, die ich schuf. Zeitdokumente einer 850jährigen europäischen, deutschen Kultur, die unter großer Spannung stand, weil sie ihren kommenden Generationen, nach den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts, das Weiterleben als Minderheit in der ihr fremd gewordenen Heimat nicht mehr zumuten wollte.

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