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Sathmar, Bildeg.







1980
Begebenheiten bei den Vortragsveranstaltungen.


Sathmar (Satu Mare), Bildeg, 08. April

Ich fuhr mit der Eisenbahn weiter nach Sathmar.
Hier kam ich bei Pater Anton Ilk, einem gebürtigen Zipser Sachsen, unter. Er war durch seine Sammlung von Deutschen Sagen und Ortsgeschichten, von denen er einen Teil veröffentlicht hatte, in der Fachwelt bekannt geworden.

Ein Einblick in eine andere Welt tat sich mir auf.
Die deutsche Besiedelung fand hier in mehreren Wellen statt. (Urkunde von 1230: „dilectis et fidelibus nostri hospitibus Teutonicis de Zathmar Nemethi“) Die Eltern von Dürer sollen in dieser Gegend im Ort Eutos (ungarisch für Türen) der von den Türken vernichtet wurde, gelebt haben, woher der Name Dürer stammt.
In Nordwest-Siebenbürgen sind die deutschen Siedler aus dem Mittelalter in der anderssprachigen Bevölkerung aufgegangen.

Die heutigen Sathmarschwaben sind erst im 18. Jh. hierher gerufen worden. Sie wurden im letzten Jahrhundert über die katholische Kirche und die ungarischen Staatsschulen magyarisiert.

Um den ungarischen Bevölkerungsanteil bei Volkszählungen etwas zu mindern, erlaubte die rumänische Regierung Maßnahmen der Rückkonvertierung der magyarisierten Schwaben zu Deutschen, indem sie deutschsprachige Schulzweige einrichtete. Dafür wurden vom deutschsprachigen Lehrerseminar im Temesvar junge Schwaben ausgebildet.

Auch der Kindergottesdienst und der Kirchenchor bei Pater Anton Ilk wurde von magyarisierten Schwaben als Deutschsprachkurs benützt. Sie wollten ihren Nachkommen nicht mehr das Los einer Minderheit bescheren, weshalb sie den Gedanken einer Auswanderung nach Deutschland ins Auge gefasst hatten.

Pater Anton Ilk organisierte einen Abend im kleinen Kreis mit seinem Amtsbruder und einigen Lehrern, wobei sie meine Diaschau sahen, da sie bei der öffentlichen Veranstaltung nicht dabei sein konnten.



In den Ohren ist mir ein Seufzer des Amtskollegen von Pater Ilk geblieben, der, nachdem ich siebenbürgische Kirchenburgen gezeigt hatte, sagte: „Das waren einmal alles katholische Kirchen.“ Er hatte nicht Unrecht. Weiter dachte ich mir meinen Teil.



An diesem Abend machte ich Bekanntschaft mit der Lehrerin XX, die ihren Ehegatten überredete, mich zu einem längst fälligen Besuch zu ihren Eltern nach Bildeg mitzunehmen.





Ich sah die schmucken Häuser der Sathmarschwaben mit ihren Veranden und mit Schilf gedeckte Scheunen.



Hörte aber nur ungarisch.



In den Friedhöfen dieser Gegend fand ich fast nur magyarisierte deutsche Namen.



Auch die Eltern von Lehrerin XX sprachen ungarisch. Ihr Vater sprach mit mir deutsch, dies in einem Dialekt, den ich bis dahin noch nicht gehört hatte. Als die Mutter aufgefordert wurde mit mir auch deutsch zu reden, sagte sie auf ungarisch:

      

„Ich habe nicht mehr deutsch gesprochen seit ich so klein wie Dein Sohn war.“
„Aber Mutter, du kannst doch deutsch singen.“ Und die Mutter sang ein Lied
von ....klein Äugelein…...

Das ging mir unter die Haut. br>
Ich war erschüttert. Wir Sachsen hatten seit dem 12. Jh. verbriefte, freie Pfarrerwahl. Dazu unsere eigenen konfessionellen Schulen. Dr. Martin Luther hatte die Bibel ins Deutsche übersetzt und so wurde in unserer Muttersprache gepredigt und unsere Muttersprache erhalten. Dadurch konnte auf dieser Schiene die angestrebte Magyarisierung der Ungaren nicht erfolgen. Diesen Kelch haben wir nicht leeren müssen. Nur die, die sich im Staatsdienst befanden mussten sich beugen.

Durch die Fürsorge unserer Gewährsleute haben wir den Stürmen der Zeit widerstanden.



Später besuchten wir die Weinkellerhäuser am Dorfrand von Bildeg.



      

Ein älterer Schwabe lud uns zur Weinkostprobe ein. Er sprach einen alten württembergisch-schwäbischen Dialekt und kannte Namen von Ortschaften aus dem Württembergischen Raum aus denen Sathmarschwaben stammten.

Zurückgekehrt nach Sathmar besuchte ich bei Pater Ilk meinen ersten deutschsprachigen katholischen Gottesdienst. Bei der Liturgie war mir aufgefallen, dass Maria immer wieder eingebracht wurde. Ansonsten fand ich Evangelischer alles akzeptabel.



Besonders stolz war die Kirchengemeinde, dass sie auch einen deutschsprachigen Chor hatte. Dass er nur einstimmig sang überraschte mich, weil ich es von unseren siebenbürgischen Gemeinden anders gewohnt war. Nachdem der Chor auf der Empore gesungen hatte, kamen die Sänger herunter und verteilten sich zwischen die Anwesenden um sie beim deutschen Singen zu unterstützen.

      

Eine Trauung mit einem Bräutigam aus der BRD fand ich auch interessant. Man freute sich vor der Wende besonders, wenn eine Heirat in die Freiheit zustande kam. Ob es hier auch als Weg zur Flucht aus Rumänien benutzt wurde, weiß ich nicht. In meinem Bekanntenkreis sind mehrere Scheinehen eingegangen worden. Es waren nicht Wirtschaftsflüchtlinge sondern man träumte als Deutscher unbenachteiligt unter Deutschen leben zu können.

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