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Großwardein, Bad Felix.









Begebenheiten bei Vortragsveranstaltungen 1980

Bad Felix - Großwardein (Satu Mare) 30. März 1980


Die Fotoausstellung des Fotoklubs Kronstadt in Bad Felix war von großem Erfolg gekrönt. Außer den Kurgästen pilgerten die Fotoliebhaber aus der nahen Stadt Großwardein zu dieser Ausstellung.













Dia-Tonvorführungen:

02. April, Großwardein (Oradea) Klub der Typografen.
04. April Großwardein (Oradea) Fotoclub Nufarul.









In beiden Klubs wurde meinem selbst gebastelten Diaprojektor und meiner Synchronisierung von Bild und Ton großes Interesse geschenkt.

Zum Fotoclub Nufarul war auch ein Offizier der Staatssicherheit (Securitate) eingeladen, der uns einen Vortrag über das „Gesetz der Restriktion beim Fotografieren“ hielt.

Wir wurden belehrt:

Alle Brücken, Bahnhöfe, Viadukte, alles was mit Militär zusammenhängt, darf nicht fotografiert werden. Alle Gebäude oder Areale, die nicht fotografiert werden dürfen, sind mit Fotografierverbotsschildern gekennzeichnet. Wer dagegen verstößt wird mit Konfiszieren der Apparatur und einer Geldstrafe geahndet.

Ein Beispiel: ein Spion der Kapitalisten hat sich ein rumänisches Mädchen angelacht und fuhr mit ihr als Tourist durch unser Land. Wie wir feststellen konnten, hat er viele strategisch wichtige Punkte fotografiert, indem er das Mädchen anhielt, sich davor zu stellen um ein Bild von ihr zu machen (das war einleuchtend).

Ich stellte die Frage: „Als Tourist sehe ich von einem Berg ein schönes Stadtpanorama. Ich kenne den Ort nicht. Ein Häuserkomplex mit einem schönen Garten fällt mir auf. Darf ich das fotografieren?“

„Warum nicht?“, kam die Antwort.
„Aber als Kronstädter weiß ich, dass es die regionale Zentrale der Securitate ist“.
Eine konkrete Antwort blieb er schuldig.

Fall 2
Ein Mitglied des Fotoklubs beschwerte sich, dass er festgenommen wurde als er Menschen fotografierte, die einen Lastkraftwagen mit Melonen stürmten, weil zu der Zeit Melonen Mangelware waren. Bei der Polizei wollten sie ihm seine teure Fotoapparatur wegnehmen.

Antwort:
„Ja, da sehen wir ein Beispiel der Achtsamkeit des Volkes. Wer weiß, ob das Bild nicht in die westliche Presse gelangt wäre.“
usw.

05. April Bad Felix.
Nachmittags- und Abendvorführung für die Kurgäste in rum. Sprache. Beide Vorführungen im Kulturhaus waren gut besucht.

Ja, und da waren Wessis und Ossis auf der Kur. Das musste ich ausnützen. Ich musste ihnen über uns Siebenbürger Sachsen berichten.
- Mit der Kurverwaltung einen Konferenzsaal in einem Gebäude, wo nur ausländische Touristen untergebracht waren, ausgehandelt.
- Kontakt mit den Betreuern aufgenommen. Beide Gruppen offiziell für den 6. April zu einer Nachmittagsveranstaltung eingeladen.

06. April. In der Früh besuchte mich der DDR Reiseleiter.
„Herr Roth, bitte verstehen Sie, wir können nicht mit den Westdeutschen gemeinsam Ihre Veranstaltung besuchen.“ Ja, ich hatte verstanden. Aber keine Informationen über uns Siebenbürger? Ne, das nicht. „Gut, dann mache ich eine separate Veranstaltung nur für ihre Gruppe morgen Abend.“

06. April. Bad Felix Abend.
Die Wessis kamen.

Als ich zufällig hinausging, bemerkte ich große Hektik bei der Rezeption.
„Was ist los?“
„Es kommt jetzt eine Kontrollbrigade der Partei.“
Mir stiegen die Haare zu Berge. Das kann schief gehen, wenn ich vorgeknüpft werde. Ausländer zu informieren ohne spezielle Zensur war undenkbar. Sogar ein Gesetz 23 gab es, welches vorschrieb „das jeder rumänische Staatsbürger verpflichtet ist, jedes Gespräch mit einem Ausländer seinem Vorgesetzten zu melden.“

Wenn meine Schwiegermutter aus Deutschland zu uns auf Besuch kam, war ich verpflichtet im Dienst eine schriftliche Erklärung über unser Gespräch abzugeben.

Ob die vom Kulturkomitee aus Großwardein, obwohl einer von ihnen beim Symposion auf Landesebene in Sacele bei Kronstadt drei meiner Dia- Tonmontagen gesehen hatte, mich aus den Mühlsteinen der Parteigenossen, die vielleicht ein Haar in meiner Suppe finden würden, herausboxen würde, war fraglich. Diese Partei- Betonköpfe zermalmen alles was ihnen nicht passt.

Das handgefertigte Plakat heruntergerissen. Ab in den Saal und los mit dem Vortrag.

Die Anwesenden waren erstaunt von dem, was sie zu hören und zu sehen bekamen. Über uns Siebenbürger hatte kaum jemand etwas gewusst und nun sahen sie das Zeidner Kronenfest, sahen Kronstadt und Schäßburg, hörten unsere Sachsengeschichte.

Der Vortrag wurde sehr gut angenommen.
Danach wollten mir einige ein paar Mark in die Hand drücken. Ich entschuldigte mich, dass ich harte Währung laut Gesetz nicht besitzen dürfe. (Darauf stand 6 Monate Gefängnis. Bestimmt nicht für so eine kleine Summe. Das konnte aber zu meinem Vergehen dazugezählt werden. ) So taten sie ihre Markscheine in den Deckel des Projektors.
Bevor die letzten hinausgingen, bat ich ein Ehepaar das Geld an sich zu nehmen und mir dafür aus Deutschland Tonbandkassetten für weitere Aufnahmen zu schicken. Die 10 Kassetten, die ich von der Familie aus Heidelberg erhielt, hatten den Wert von 20% meines Monatseinkommens!

Am Vormittag nahm ich Erkundigungen über die Partei- Kontrollbrigade ein. Sie hatten die Ausstellung begutachtet und von der Rezeption erfahren, dass ich einen Diavortrag, genehmigt vom Kulturkomitee aus Kronstadt, in deutscher Sprache zeige (aber nicht wem!) und sind danach ihrer wirtschaftlichen Kontrollfunktion nachgegangen.

07. April, Bad Felix, Abendveranstaltung.
Für die Ossis brauchte ich kein Plakat und somit fiel ich auch nicht auf.
Die Reaktion auf das Vorgeführte war verhalten. Nur eine junge Dame kam nach der Vorführung zu mir nach vorne und erzählte mir, dass ihre Familie aus Schlesien vertrieben wurde und sie meine Arbeit für äußert wichtig halte: „Ich würde mich sehr freuen, eines unserer Feste aus der ehemaligen Heimat so miterleben zu können, machen sie unbedingt weiter, Herr Roth!“

Bis ich die Apparatur in meinem Zimmer verstaut hatte, war es dunkel geworden. Ich ging hinaus und sah die Ossis noch immer in kleinen Gruppen stehen. Ich versuchte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, sie waren sehr zurückhaltend.

Nun gut, ich hatte die Information über uns Sachsen weitergegeben. Was ich für wichtig gehalten hatte, hatte ich vollbracht.

Als ich mein Zimmer betrat, fand ich einen Zettel unter der Tür: „ Herr Roth, bitte kommen Sie zu uns, Zimmer Nr. ...“
Ich ging hin. Ein waschechter Bayer mit seiner Frau erwarteten mich mit einem Kleiderpaket Es war mir äußerst peinlich. Noch nie hatte ich Kleider von fremden Leuten bekommen. Ja, und da war auch ein grüner Anzug.
„Herr Roth, sehen Sie, mein Umfang hat zugenommen, den Anzug habe ich kaum getragen. Er ist zeitlos.“
Nach 26 Jahren passe ich noch immer in den grünen Rock und trage ihn auch heute gerne.
Danke!

Als ich zur Bahn fuhr, erzählte mir eine Dame aus der DDR Gruppe, dass sie ihren Staat bejahe. Aber sie sehen Westfernsehen und dort zeigt man Aufmärsche der vertriebenen Deutschen aus Polen und der CSSR, die Gebietsansprüche an die Bruderstaaten stellen, mit denen die DDR Regierung nicht einverstanden sein kann. Und nun bekamen sie einen unerwarteten Einblick in eine deutsche Splittergruppe von deren Existenz die meisten von ihnen nichts gewusst hatten. Das muss noch verarbeitet werden.

Gut, dachte ich mir, verarbeitet es, die Spur dazu habe ich in euch gelegt.

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