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Ein Erlebnis
am Schwarzen Meer.











Ein Erlebnis am Schwarzen Meer.

Die schweren Nachkriegsjahre, in denen mein Vater zur Zwangsarbeit nach Russland deportiert war, und meine Mutter uns durch Kinderbetreuung und Handarbeit über Wasser hielt, hatten durch meine Unterernährung, ihre Spuren hinterlassen.

Als 15 Jähriger trat ich in die Arbeit ein. Auf Anraten der Ärzte verbrachte ich als 17 Jähriger meinen ersten Urlaub in Eforie Nord am Schwarzen Meer um meinen Kalziumhaushalt, der mir damals zu schaffen machte, einigermaßen in Ordnung zu bringen.



Spaziergang auf der Uferpromenade in Constanta

So kam es, dass ich so wie all die andern Tage, auf meiner Luftmatratze, am Meeresufer, einsam in der Menge lag.

Die Wellen waren trotz schönem Wetter an diesen Morgen, einmalig hoch. Badeverbot war durch Hissen der Verbotsfahne angezeigt. Sie Sonne aber lachte und die Wellen rauschten gewaltig. Herz was brauchst du mehr, dachte ich hinter meinen geschlossenen Augen.

Plötzlich kam Unruhe in die Menschen um mich. „Der kann nicht zurück. Er ist untergegangen. Nein, bei der Welle dort ist er. Er hebt die Hand. Weg ist er.“

Ich hatte mich aufgerichtet und starrte in die angegebene Richtung.

Weit draußen im Meer kämpfte einer um sein Leben.

Ich sah das Ufer entlang. An der dem Schwimmer nächstgelegenen Stelle, etwa 200 m von mir, hatte sich eine Menschentraube angesammelt.

Im nächsten Augenblick rannten vier Rettungsschwimmer mit einem Rettungsboot ins Meer.

Weit kamen sie nicht. Die erste Sturzwelle kippte das Boot um und warf sie samt Boot aufs Ufer zurück.

Noch ein Anlauf. Vergebens. Das Boot überschlug sich im hohen Wellengang und wurde wieder zurückgeworfen.

Dann sprang ein verwegener Rettungsschwimmer in die Wellen und schwamm unter den ersten Schaumkämmen der Sturzwellen durch.

Wegen des hohen Wellenganges hatte er aber den Schwimmer aus den Augen verloren.

Vom Ufer riefen und gestikulierten die Menschen. Aber keiner wagte sich ins Wasser.

Das gibt es doch nicht. Da ertrinkt einer und die Menschenmenge sieht einfach zu. Gibt es keine guten Schwimmer in diesem Menschenhaufen? Warum helfen die nicht?

Im nächsten Moment sprang ich hoch, ergriff meine Gummiluftmatratze und rannte in die Brandung.

Die erste Welle schmiss mich regelrecht auf den Rücken. Nochmals flach auf die Luftmatratze. Füße fest um die Matratze geschlungen. Unter dem Schaumkamm durch. Ich hatte es geschafft. Als der nächste Wellenschaumkamm über mich einbrach, kam ich wieder darunter durch. Die folgenden Wellen waren groß, hatten aber kleinere Schaumkämme. Die waren zu meistern. Von der Luftmatratze wurde ich nicht mehr heruntergerissen.

Ja wo war mein Mann? Wo der Rettungsschwimmer? Und dann schoss aus einer Welle ein Graukopf bis auf die Hüfte aus dem Wasser hervor. Den Mund weit aufgerissen. Seine Arme machten nur schlappe Bewegungen. Im nächsten Moment versank er wieder. Ich paddelte mit meinem Armen aus ganzer Kraft in die Richtung.

Nach einer Zeit hörte ich hinter mir eine Stimme „ Unde e? Wo ist er?“

„Acolo!! Dort!!“ schrie ich zurück. Der Rettungsschwimmer verschwand hinter einem Wellenberg.

Und wieder schoss der Alte bis auf die Hüften aus dem Wasser. Der Rettungsschwimmer hatte ihn beide Male von hinten gepackt und ihn an die Oberfläche gehievt.

Im Schlepptau ans Ufer bringen konnte er ihn wegen des schweren Wellengangs und der Strömung nicht.

Noch ein paar kräftige Ruderbewegungen mit den Armen, wobei ich mich mit den Füßen an der Luftmatratze festklammerte. Da tauchte der schlapp gewordene Schwimmer unweit von mir auf.

Noch ein paar kräftige Armbewegungen. Wir reichten uns die Hand. Er war gerettet.

Der Rettungsschwimmer kam dazu. Ebenso eine Frau, die inzwischen herausgeschwommen war.

Wir versuchen ihn auf die Matratze zu hieven aber die nächste Welle spülte ihn herunter. Er hatte keine Kraft sich mit den Füßen darauf festzuhalten. So zogen wir ihn mit dem Oberkörper auf die Matratze, hielten ihn darauf fest und ruderten mit vereinten Kräften dem Ufer zu.

Der Wellengang war beträchtlich. Die Strömung ins Meer hinaus auch. Gut, dass die mutige Frau auch dabei war. So kamen wir langsam dem Ufer näher. Als wir noch ein paar Meter entfernt waren, sprangen hilfreich Hände hinzu und trugen den halb ertrunkenen Erschöpften hinaus.

Ich packte meine Luftmatratze an einen Zipfel und als ich mich aus dem Wasser am Ufer aufrichtete, brach ich zusammen.

Komisch fand ich es, dass ich mich nicht erinnern konnte, viel Wasser geschluckt zu haben und dennoch musste ich erbrechen.

Später kam mir in den Sinn, dass nach einem Marathonlauf in Kronstadt, wo wir über 200 Läufer gestartet waren und ich als ca. 30ster am Ziel angekommen war, ebenfalls, damals aber erst nach 4 Stunden, gereiert hatte. Es muss die Überanstrengung gewesen sein.

Am Abend schlenderte ich zum Sanitätszelt und erkundigte mich nach dem Geschehen.

Ja der Grufti war ein Bundesbürger, der nach einer langen Reise in der Früh mit dem Zug am Schwarzen Meer angekommen war. Übermüdet und das Badeverbot missachtend hatte er sich als guter Schwimmer in die Wellen gestürzt. Als er merkte das die Strömung ihn hinaustrug war eine Umkehr zu spät. Seine Kraft reichte nicht mehr zur Rückkehr.

Momentan war er mit seiner Familie und dem Rettungsschwimmer in einer Gaststätte und feierte seine Wiedergeburt.

Sie suchen und mich uneingeladen dazu gesellen? Ja, da sträubte sich etwas in mir.

Ob ich sie in einer Gaststätte überhaupt erkennen würde? Schluss damit....

Ein Kopf, mit den grau melierten Haaren und weit aufgerissenen Mund hat sich bis heute in mein Gedächtnis eingegraben. Der Rest des Antlitzes ist mir bald verloren gegangen.

Eins habe ich gelernt: Selbst als ein Durchschnittsschwimmer ohne Rettungskurs kann man einem Ertrinkenden zu Hilfe eilen. Man sollte es aber wenn möglich, mit einer Luftmatratze tun.

Vielleicht liest jemand diese Zeilen und erinnert sich, zu gegebener Zeit, an meine Erfahrung.

Das ist der Grund, weshalb ich dieses Erlebnis in meine Homepage gestellt habe.