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Eine Klippe an der wir knapp vorbeigekommen sind



Eine Klippe an der wir knapp vorbeigekommen sind

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Großes Glück hatten wir, eine 10-köpfige Jungengruppe, die ich als 16-jähriger in Kronstadt im Frühjahr 1953 gründete. Eine Dame hatte mir eine Ausgabe, wahrscheinlich des ersten deutschen Pfadfinderbuches, geschenkt welches ich den Jungs zum Lesen gab. Die Begeisterung übertrug sich und verband uns.

Wir nannten uns „Die Gruppe“. Die Jungs waren 2-3 Jahre jünger als ich. „Jeden Tag eine gute Tat“ halfen wir wo wir konnten, was uns durch Freude schenken selber mit Freude erfüllte.

Sonntag war Wandern und Bergsteigen in den Karpaten, mit allem was damit zusammenhängt, im Programm. Ich hatte ein Zelt aus einfacher Rohleinwand zusammengenäht und mit einer Lösung aus Alaun und Bier imprägniert, welches wir oft stolz mitschleppten.

War das Wetter ungünstig traf sich die Gruppe bei mir in der Küche und einer der sich dafür vorbereitet hatte, hielt einen Vortrag.

Rauchen, Saufen, Raufen, Fluchen, schweinische Wörter zu gebrauchen, waren Tabus.

Ein Schuppen, den wir bei meinem Freund Rudolf Lorenz ausgebaut hatten, wurde unser Treffpunkt. Da wir aber meistens durch einen langen Hof (in der Langgasse), in dem ein Polizist wohnte durchgingen, wurde dieser auf die Gruppe, die nach 2 Jahren auch Mädchen hinzugezogen hatte, aufmerksam und mit der sogenannten „Bude“ war es, zum Glück ohne Folgen, vorbei.

Einmal organisierte ich, über die Gruppenführer der Kommunistischen Pionierorganisationen der verschiedenen Klassen der Bartholomäer- und der Blumenauer Schule, ein Treffen auf der Hangesteinwiese wobei wir Sportwettkämpfe veranstalteten und den Älteren die Orientierung im Gelände mit Karte und Kompass, und erste Hilfe beibrachten.

Die Wanderung wurden von den Gruppenleitern als Pionieraktivität nach oben gemeldet und wurde, wie man mir erzählte, noch einige Male wiederholt. Mit der Kommunistischen Pionierorganisationen hatte es nichts zu tun, wir waren unter uns und dies sollte ein Anfang für künftige Zusammenkünfte werden.

Wo ein Ziel ist, da ist auch ein Weg. Warum nicht jede Möglichkeit für sich nützen? Ich ging davon aus, dass es wichtig sei, dass die deutsche Jugend der Stadt sich näher kennen lernt.

1956 machte ich den Vorschlag dass jeder einzelne von uns eine eigene Gruppe gründen solle.

Ich hatte im Sinn, die ganze Deutsche Jugend aus Kronstadt in erreichbare Freundeskreise zu organisieren. Einziges Ziel war das Zusammengehörigkeitsgefühl sowie das Leben der deutschen Kronstädter Jugend, in und mit der Natur und den Bergen, zu fördern.



Blick vom Schuller ins Prahovatal
(Schuster Werner mit C. B.

Auch hatte ich als Vorbild die seit Jahrhunderten bewährten Nachbar- Bruder- und Schwesternschaften in den Sächsischen Dörfern, die nach der kommunistischen Machtergreifung verboten waren und sich vielerorts wieder heimlich neu formierten.

Wenn ich mitbekam das ein Freundeskreis eine Bergwanderung machte, so organisierte ich unsere Wanderung in den Karpaten so das wir uns zufällig trafen und gemeinsam weiter gingen. Es kamen manchmal über 40 Jugendliche zusammen. Fielen wir auf, sagten wir, dass wir Schulfreunde seien, die sich eben auf ihren Ausflügen getroffen hätten. Dass der Treffpunkt in den Bergen kein Zufall sondern von mir im voraus geplant war, hat selbst die Mehrheit die dabei war, nicht mitgekriegt.

Die Mädels nähten Zelte, so dass wir bald eine schöne Zeltgemeinschaft bildeten.

Beim sächsischen Jugendtreffen mit Zelten am St. Annasee waren wir durch Zufall nicht dabei, weil wir im Vorjahr dort eine Woche gezeltet hatten und einige von uns ein paar Tage zuvor mit den Zelten ins Bucecigebirge vorausgegangen waren.



St. Annasee

Um eine Zeit bot ich einem älterem Arbeitskollegen R. W. die Leitung, der sich in Erweiterung befindlichen Gruppe an, die er aber nicht angenommen hat. Knapp darauf wurde er wegen „Nichtanzeige" der “Schwarze-Kirche-Gruppe" zu 8 Jahren verurteilt von denen er 5 abgesessen hat.

Nach unseren Ausflügen besuchten wir jeden Sonntag Abend die Jugendstunde der Bartholomäer Kirche. In die Jugendstunde der Schwarzen Kirche sind wir nicht gegangen, weil sie Wochentags gehalten wurde und die meisten von uns Abendschulen besuchten.

Mit Pfarrer Lothar Schullerus hatte ich mich ausgesprochen, er wusste über uns Bescheid. Ich bat ihn unter anderem auch Lesungen über die Geschichte der Sieb. Sachsen zu halten, weil unsere Generation darüber keine Informationen in der Schule bekam, was er aber aus Sicherheitsbedenken ablehnte. Als die Verhaftungen im Zusammenhang mit der Schwarzen Kirche begannen, kam er in der Nacht bei mir vorbei und empfahl mir alle Aufzeichnungen zu vernichten. (Ich hatte Listen, Zeichnungen mit Vorkommnisse bei den Ausflügen über die an unseren Aktivitäten Beteiligten angelegt.)

Wären die gezielten Verhaftungen der Securitate zwei Jahre später erfolgt, wären wahrscheinlich viele Deutsche Jugendliche aus Kronstadt Opfer der kommunistischen Willkür-Justiz geworden.

Wenn ich heute lese, wofür in den Jahren, schwere vieljährige politische Kerkerstrafen ausgesprochen wurden, packt mich das Grausen.



Für wen welche Strafe aus unserer Gruppe beantragt worden wäre, haben wir zum Glück nicht erfahren müssen.

Wäre es schiefgegangen hätte ich mich zeitlebens mit Vorwürfen gequält.

Aus unserer Sicht sah das alles harmlos aus. Waren wir doch kein Geheimbund mit staatsfeindlichen Zielen.

Aber es genügte damals, einem Freundeskreis anzugehören um verhaftet zu werden und mit einer Anklage und der Empfehlung der Todesstrafe konfrontiert zu werden.



Vergleicht man unsere „harmlose“, auf Ideen der Pfadfinder ausgerichtete Gruppe, die wir gerade vergrößern wollten, wären wir eines Tages bestimmt aufgefallen und ein gefundenes Fressen für die Staatssicherheitsorgane gewesen.

Ja, das hätte ins Auge gehen können.


Auszug aus dem Manuskript eines Vortrages von Günter Volkmer.




Wenn man im Stande ist 102 Personen einer Minderheit in einer Stadt einen politischen Prozess anzuhängen so hätten wir auch kein Pardon erhalten.