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60 Jahre
seit Januar 1945
der Deportation der
Rumäniendeutschen
zur Zwangsarbeit
in die UdSSR

Bildanhang


Meinem Vater Ernst Roth gewidmet, der ab Januar 1945, wie viele andere auslanddeutsche Zivilpersonen nach Kriegsende deportiert, 5 Jahre Zwangsarbeit in den Kohlenbergwerken Russlands leisten musste.




"Vermochte die Hoffnung auf Heimkehr in manchen die letzten Lebenskräfte anstacheln und damit den Zusammenbruch des Leibes mit seelischer Kraft noch aufzuhalten, so erlosch in anderen der letzte Funke ihres Lebenswillen; sie gaben auf."
Victor S T Ü R M E R zu Blatt 23 seiner Federzeichnungen zu Zwangsarbeit in der UdSSR verschleppten Südostdeutschen. Aus: "Siebenbürgische Zeitung" B 1756 DX Folge 1. 15 Januar 1985 (Mit freundlicher Genehmigung der SbZ. und des Künstlers zu Lebzeit)

Auf Stalins ausdrückliche Verfügung forderten, nach dem Frontwechsel Rumäniens, am 23. August 1944, die Sowjets Listen mit den „rumänischen Staatsangehörigen ethnischer deutscher und ungarischer Herkunft“ an. Die Abgabe erfolgte Anfang Dezember 1944. Ebensolche Listen mit Deutschen verlangten sie von Ungarn, der Tschechoslowakei und Jugoslawien. Am 31. Dezember wurden die Deportationsbefehle überreicht. Danach begann die Aushebung am 11. Januar in Kronstadt durch rumänische Kommandos, die von sowjetischen Militärangehörigen begleitet wurden. Angeordnet war die Aushebung aller deutschen Männer zwischen 17 und 45 Jahren und aller Frauen zwischen 18 und 30 Jahren. Ausgenommen waren bloß Schwangere, Frauen mit Kindern unter einem Jahr und Arbeitsunfähige.

Da die UdSSR die Deportation im Namen der Alliierten anordnete, setzte sich Radescu mit Großbritannien und der USA Anfang Januar in Verbindung, wobei er auf das Waffenstillstandsabkommen, das keine Bestimmungen zur Leistung von Reparationen durch Arbeitskräfte beinhaltete, sowie auf rechtliche, ökonomische und humanitäre Aspekte, hinwies. Doch diese Regierungen wurden durch das eigenmächtige Vorgehen der Sowjets einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Ihr Protest war ohne Erfolg, da ihnen jegliches Druckmittel fehlte.

Die Altersgrenzen wurde nicht immer eingehalten. Die ältesten Verschleppten waren 55 die Jüngsten 13 Jahre (siehe weiter unten Erhard Klein). Was zurückblieb waren Kinder und Großeltern, denen die wichtigsten Familienerhalter fehlten. Die Lage verschlechterte sich äußerst dramatisch, da die Rumäniendeutschen kurz danach total enteignet wurden.

In Viehwaggons, in die man jeweils 40 bis 70 Männer und Frauen zusammenpferchte, dauerte die Fahrt bei eisiger Kälte, primitivsten hygienischen Verhältnissen und notdürftiger Versorgung bis zu den Bestimmungsorten zwei bis sechs Wochen. Die Verschleppten: 30.376 Siebenbürger Sachsen wurden in 85 Lager verteilt und jeder dritte war gezwungen im Bergbau zu arbeiten. Die anderen arbeiteten im Bauwesen, in der Industrie oder in der Landwirtschaft. Infolge der miserablen Unterbringungen und unhygienischen Bedingungen, der schlechten medizinischen Betreuung, dürftigen Essensrationen, schweren Arbeitsbedingungen, Unfällen gab es viele Kranke und Tote.

Knapp 12 Prozent aller deportierten Sachsen haben die Deportationszeit nicht überlebt. Es kamen anteilmäßig dreimal so viele Männer als Frauen um.

Erst 1952 wurde die Letzten heim geschickt. Die ersten arbeitsunfähig gewordenen Kranken wurden Ende 1945 nach Siebenbürgen entlassen. In den Jahren 1946 bis 1947 hingehen kamen etwa 5.100 Sachsen mit Krankentransporten in Frankfurt an der Oder an.

Für die Siebenbürger Sachsen blieb die Verschleppung zur Zwangsarbeit das schrecklichste Trauma ihrer neuzeitlichen Geschichte. Der amerikanische Völkerrechtler und Historiker Alfred de Zayas weist in mehreren seiner Arbeiten darauf hin, dass die Bedingungen, unter denen die „Reparationsverschleppten“ in der Sowjetunion arbeiteten, sich nicht von den der Sklavenarbeit in den Arbeitslagern Nazideutschlands unterscheiden. Er unterstreicht auch die Tatsache, dass es sich bei der hier genannten Verschleppung deutscher Zivilpersonen zur Zwangsarbeit, um einen Verstoß gegen das Völkerrecht und um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelt, wie sie bei dem Nürnberger Kriegsverbrecherprozess geahndet wurde.

Datenauszug aus einer Broschürenreihe von Dr. Michael Kroner

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Ernst Roth. Geb. 20.05.1909 Gest. 26.02.2001

Grabrede, die ich Pfr. Repke vorgelegt hatte und bei der Beerdigung vorgelesen wurde.


Durchstreift man die Biografie der Vorfahren von Ernst Roth, stößt man auf ein altes siebenbürgisches Handwerkergeschlecht.

Vor 100 Jahren gehörte sein Vater zu den sächsischen Pionieren die das Know-how des Westens jenseits der Karpaten in die Moldau brachten und dort eine Sattlerwerkstatt in Bârlad errichteten. Kurz darauf heiratete er. Seine Frau Luise Kraus aus Reps gebar ihm dort 6 Kinder. Als jüngster Sohn blieb mein Vater als Einjähriger Vaterwaise.

Nach der zweiten Heirat seiner Mutter mit Gustav Hermann, einem Onkel des bekannten Malers und Grafikes Hans Hermann, der eine Terrakotta Fabrik in Focsani besaß, wurde er von dessen Bruder Josef Hermann in die Familie in Kronstadt aufgenommen.

Seine berufliche Ausbildung erfolgte als Konditor.

1937 heiratete er die Kindergärtnerin Katharina geb. Barthel aus Petersberg bei Kronstadt, die einen eigenen deutschsprachigen Privatkindergarten für rumänische, ungarische, jüdische und deutsche Kinder hatte.

Aus dieser Ehe ging ihr Sohn Wilhelm Ernst Roth hervor.

1939 bauten sie sich ihr eigenes Haus in dem dann auch der Kindergarten mit bis zu 60 Kindern untergebracht war.

Das Familienleben war durch den 2. Weltkrieg stark getrübt. 3 Jahre rum. Militärdienst, danach arbeitete er während der Kriegszeit 4 Jahre in der Flugzeugindustrie auf verschiedenen Arbeitsplätzen in Rumänien.

5 Monate nach dem Kriegsende Rumäniens mit der Sowjetunion erfolgte die Deportation aller arbeitsfähigen deutschen Männer und Frauen zur Zwangsarbeit in die Kohlenbergwerke Russlands.

Der amerikanische Völkerrechtler und Historiker Alfred de Zayas, der sich am eingehendsten mit dieser Deportation beschäftigt hat, weist in seiner Arbeit darauf hin, dass die Deportation zur Zwangsarbeit, Sklavenarbeit, sich kaum von den Arbeiten in hitleristischen Zwangslagern unterschied, für die im Nürnberger Prozess Alfred Rosenberger mit dem Tod und Albert Speer mit 20 Jahren Gefängnis bestraft wurden, und das zu einer Zeit in der Hunderttausende deutsche Zivilisten in der Sowjetunion unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten.

Aus dem Heimatdorf meiner mutter sind 25 % der nach Kriegsende zur Zwangsarbeit deportierten Siebenbürger Sachsen in Russischer Erde verscharrt.

Kein unschuldiger westdeutscher Bürger ist ein halbes Jahr nach Kriegsende, außerhalb des Landes zur Zwangsarbeit deportiert worden.

Ernst Roth gehörte zu denen, die für die Scherben, die andere angerichtet haben, nach Kriegsende als Zivilperson, die nach über 800 Jahren aus Deutschland ausgewandert, noch immer deutsch war, mit jahrelanger unmenschlicher Zwangsarbeit bezahlt haben.

Mit gebrochenen Rippen nach einer Verschüttung von 4 Tagen im Kohlenbergwerk und anderen, durch die schweren körperlichen Arbeiten zugezogenen Leiden, die in späteren Jahren operative Eingriffe erforderten, kam er nach 5 Jahren heim. Im Traktorenwerk Kronstadt der ehemaligen Flugzeugfabrik nahm er seine Arbeit wieder auf.

Durch die Einquartierungen aus der Nachkriegszeit bedingt, wohnte die Familie im eigenen Haus in nur einem Zimmer und einer halben Küche. Sein Sohn lebte nach seiner Heiratet mit seinen 2 Kindern außerhalb des Hauses in einem Zimmer von 18 qm. Als der letzte Einwohner 1972 aus seinem Haus auszog, packte die Familie gemeinsam an und baute den Bedürfnissen entsprechend eine Wohnung für die Familie seines Sohnes aus.

Als fleißiger Mensch, neben seinen 8 Arbeitsstunden, arbeitete er nach der Erwerbung der Gewerbegenehmigung noch jahrelang als Zimmermaler. Durch die Arbeit im Betrieb mit Lackfarben sind seine Arbeitskollegen meist schon vor Rentenantritt gestorben. Eine Tumoroperation ohne die vorgesehene nachfolgende Strahlenbehandlung rettete sein Leben.

Nach 18 Jahren wiederholter Antragstellung zur Familienzusammenführung zu seinen in der BRD lebenden Brüdern, die im Jahre 1940 nach Deutschland übersiedelt waren, kam es dann 1982 zur gemeinsamen Ausreise mit der Familie seines Sohnes nach Augsburg. Aus Rumänien entlassen wurden sie wegen der intensiven kulturellen Aktivität seines Sohnes, die dem Ceausescuregime ein Dorn im Auge war.

Sein Sohn als 45-Jähriger aus der Flugzeugindustrie kommend, fand trotz über 200 abgegebenen Bewerbungen (von Hamburg bis zum Bodensee) erst nach 2 Jahren Arbeit, Zeit, in der die Familie gemeinsam im Übergangswohnheim lebte. Danach bezog er mit seiner Frau eine Wohnung unter demselben Dach mit seinem Sohn, der von nun an beide betreute.

Die folgenden Jahre vergingen wie im Flug. Er konnte seinen Bruder besuchen, den er über 40 Jahre nicht mehr gesehen hatte. Seine Cousine lud ihn nach Österreich ein, seine Nichte nach Italien.

Mit seiner Frau Käthe war er ein gerngesehener Gast in verschiedenen Seniorennachmittagen, wo sie sich immer große Mühe gaben nicht nur Konsumenten sondern auch Mitgestalter zu sein.

1994 wurde er Witwer. Sein Sohn nahm ihn gleich zu sich in die eigene 3 Zimmerwohnung.

Er war wie man zu sagen pflegt „pflegeleicht“. Er sagte oft, dass es ihm in seinem Leben nie so gut gegangen sei wie in den letzten Jahren. Seine Schwiegertochter Marianne und sein Sohn betreuten ihn mit allem Nötigen. Er nahm aktiv am Familienleben teil.

Er hat es erleben können, dass seine beiden Enkel eine gute berufliche Ausbildung haben und verheiratet sind. Seine beiden Berliner Urenkel waren sein Sonnenschein wenn sie ihre Ferien bei uns verbrachten. Die Verabschiedung von seiner einjährigen Augsburger Urenkelin, hat er kurz vor seinem Tod bewusst wahrgenommen.

2 Monate vor seinem Tod trat eine geistige Umnachtung bei ihm ein. Seine Schwiegertochter und sein Sohn haben ihn in der folgenden schweren Zeit nicht verlassen und ihn bis zum letzten Atemzug in der eigenen Wohnung betreut.


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Heute möchte ich diese Zeit nicht missen.


In der zweiten Weihnachtsnacht 2000 wurde ich aus dem Schlaf gerüttelt. Mein Vater stand angezogen vor meinen Bett.
Aufgeregt stammelte er: „Willi, komm es ist schon spät, wir müssen in den Schacht“.

Die Zwangsdeportation hatte ihn eingeholt.

Zwei Monate später streichelte ich seine erkalteten Hände unter deren Haut man noch Kohlenstaub aus Russland sah.

Dabei dachte ich: „Nun geht Kohlenstaub zurück zur Erde.“

Lieber Tati, Du bist den Weg gegangen, den wir unausweichlich alle gehen müssen.

Wir, die Deinen Lebenshauch weiter in uns tragen und alle andern denen Du einen Verlust bedeutest, danken Dir für alles was Du für uns getan hast.

In unserer Gedankenwelt lebst Du bis an unser Ende weiter.


Dein Sohn Willi

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Erhard Michael Klein
(Heltau-Augsburg)

Erinnerungen










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Im Januar 2005 gedachten wir an das Trauma der Deportation unserer Familienangehörigen vor 60 Jahren als Zwangsarbeiter in die UdSSR.

Für Montag, den 10. Januar, 19 Uhr habe ich Herrn Dr. Michael Kroner nach Augsburg eingeladen der uns im Gemeindesaal der St. Andreaskirche den Vortrag : "Deportation zur Zwangsarbeit der Rumäniendeutschen im Januar 1945" hält.

Sonnabend, den 15. Januar machen wir, die Kreisgruppe, eine Busfahrt nach Ulm zur Zentralen Gedenkveranstaltung der landesmannschaftlichen Verbände der Rumäniendeutschen, Ungarn und dem ehemaligen Jugoslawien.

Sonntag, den 16. Januar, 16 Uhr hielten wir einen Gedenkgottesdienst: "Deportation zur Zwangsarbeit" in der St. Johanneskirche. Geistliche: Pfr. Werner Ungar und Pfr. i. R. Mathias Pelger.

Die Bilddokumentation dieser Veranstaltung sind oben im Bildanhang zu sehen.

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