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Spitzensport

Erstellt Sep. 2004





Sport:
Reiten
Fechten
Orientierungswettkämpfe
Schießen
Gut geschossen, ein Herz getroffen




Als 14jähriger: Weitsprung 4,20m , Laufen 60 m in 8,00 Sekunden.

Mit 15 ging ich in die Arbeit und die folgenden 6 Jahren nach 8 Stunden Arbeit, Abend für Abend von 17 bis 21 Uhr 30 in die Abendschule.

War da für Sport noch Zeit? Ja.
Wie? Wo? Wann? Das frage ich mich heute selber.

Reiten, Fechten, Schießen, Wandern, orientieren in den Bergen? Was begehrte mein Naturell?

Nun gut. Reiten.
Das konnte man am Stadtrand von Kronstadt in Bartholomä lernen. Dafür musste man als Probe auf einem Esel ohne Sattelzeug aufsitzen und eine Runde drehen. Das Biest war aber wahrscheinlich speziell abgerichtet, sich den Spaß zu machen, einen nach kurzer Zeit abzuwerfen.

Das Gelächterwiehern des Esels, mit hochgezogenen Lippen, nachdem er mich abgeworfen hatte, habe ich bis jetzt nicht vergessen. Hatte man ihn nicht nur mit allen vieren auf einmal in die Luft zu springen sondern auch zum Lachen dressiert?

Fechten.
Ja, das wurde in Kronstadt im Vointaclub auch angeboten.

Also schlug ich meinen Freunden vor, da mal vorbeizuschauen und die Sache zu testen.

Maske über den Kopf, Florett in die Hand und ausprobiert, was der kleine Junge, der schon seit einiger Zeit da mitgemacht hatte, alles kann. Es war einfach unmöglich ihm beizukommen.

Respektbekundung unsererseits.

„Wenn Ihr mitmachen wollt, so müsst Ihr eure Mädels mitbringen. Mir fehlen zuverlässige Mädels in meiner Fechtgruppe.“, sagte der Trainer, ein jüdischer Zuckerbäcker.

Unsere Mädchen kamen und machten mit. Es war verlockend nach der Abendschule, in der Nacht von 10 bis 11, noch fechten zu gehen, aber meine Mutter sah darin nur einen physischen Raubbau und hat mich davon abgehalten.

Unsere Clique ging weiter fechten. Krista Bahmüller hat den Landesmeistertitel geschafft.

Einmal ging ich nach der Schule wieder mit. Wir fanden nur wenige Floretts mit der nötigen Schutzverdickung an der Spitze vor. Also nahm ich mir ein Florett mit abgebrochener Schutzspitze und wir machten aus, dass ich mich nur verteidigen sollte während mein Freund den Angriff übte.

Das war aber nicht einfach. Automatisch stößt man blitzschnell nach einer Klingenabwehr zu und so passierte es, dass ich ihn durch seinen wattierten Körperschutz 2 Fingerbreit unter der linken Brustwarze leicht verletzte. Helmar Fischler (heute Zahnarzt in Nürnberg) ist Linkshänder. Danach ist keiner von uns ein weiteres Risiko eingegangen.

Fechten ist ein fantastischer Sport, wobei man sich besonders gut und elegant abreagieren kann.

Orientierungswettkampf.
Das war eine tolle Sache. Bald hatten wir im Sportklub Vointa Dreiergruppen gebildet die sich mit anderen Sportgruppen in Wettkämpfen maßen.

Wie verlief so ein Wettkampf? Man sprach sich unter der Woche mit seinen Bekannten ab und stellte sich sonntags als Dreiergruppe zum Wettkampf.

Vor dem Start bekam jeder einen politischen Fragebogen mit Fragen wie: Wann ist der Internationale Tag der Frau? Wann fand die Große Oktoberrevolution in Russland statt? Und vieles mehr. Danach wurde einem die Wegbeschreibung ausgehändigt, die man in vorgeschriebener Marschgeschwindigkeit an lebendigen sowie an unbesetzten Kontrollposten vorbei, zurücklegen musste. Bei manchen Wettkämpfen erhielten wir auch kopierte Ausschnitte von Wanderkarten des ehemaligen siebenbürgischen Karpatenverein im nun verbotenen 1: 50.000 Maßstab.

Um mitzumachen musste die Gruppe eine Uhr und einen Marschkompass besitzen. Beides besaß ich zu der Zeit nicht.

Eine Armbanduhr (Ruhla, DDR Erzeugnis ohne Steine, mit einer Garantie von einem halben Jahr) konnte man nur kaufen, wenn man vom Betrieb eine Bescheinigung zum Rathaus brachte, dass man „Fruntas in productie“ (Bestarbeiter) war. Dort wurde dann nach besonderer Auswahl eine Genehmigung zum Kauf der Handuhr, die mein Monatseinkommen kostete, ausgestellt. Nach einem Jahr war so eine Uhr ausgewetzt und nicht mehr zu gebrauchen. Später tauchten gute Russische Uren im Handel zu hohen Preisen auf.

Einen Marschkompass gab es im Handel nicht. So konnte man einen solchen nur unter der Hand aus zurückgebliebenen Kriegsbeständen kaufen. (Preis: mein halbes Monatseinkommen).

So stellten wir unsere Gruppen mit geborgten Sachen zusammen. Trotz alledem waren wir glücklich und machten unsere Sportwettkämpfe.

Nicht all zu glücklich waren wir, als wir bei einem Nachtwettkampf bei strömenden Regen zurückgepfiffen wurden, weil der, der die Marschrutenbeschreibung aufgestellt hatte, irgendwo in der Strecke seinen Basickompass verdreht angesetzt und somit die Marschrichtung um 180 Grad falsch angegeben hatte.

Resultat: Die ersten Gruppen versuchten unüberwindliches Gelände (Felsenkette im steilem Berghang) zwischen Bolnok und Hohenstein in dunkler Nacht, bei strömendem Regen, ausgerüstet mit Petroleumlampen und Regenschirmen (Nylon gab es zu der Zeit noch nicht, Schuhe waren bald durchweicht) bis auf Rückruf zu meistern.

Wir waren ein fröhlicher, bunt gemischter Haufen: Rumänen, Deutsche, Ungarn, Juden, Menschen, die die Berge liebten.

Das Höchste das wir drei, Rolli Wagner, Rudolf Lorenz und ich erreicht haben, war der erste Platz bei der Landesmeisterschaft Rumäniens der Vointaclubs (Sportklubs der Handwerker) der im Sommer 1953 in der Schulerau bei Kronstadt stattfand.



Die große rote Kristallvase wurde uns nach der Prämierung gleich vom Klubvorsteher abgenommen. Ich habe sie noch viele Jahre danach im Klub sehen können.

Als sich die Wettbewerbsbedingungen dahin änderten, dass man die Strecke in kürzester Zeit zurücklegen musste, habe ich diesen Sport aufgegeben. Körperlich war ich nicht in der Lage da mitzumischen.

Kartenlesen, gezieltes Wandern in den Bergen, später Zelten mit selbst gemachten Zelten aus der einfachsten Leinwand, mit doppeltem Dach, hat sich aus dieser Sportzeit entwickelt.

Schießen:
Sogar der Besitz eines Luftgewehrs war nach dem Umsturz verboten. Und nun gab es seit einiger Zeit die Möglichkeit eine zweijährige Sportschützenschule außerhalb der Arbeitszeit zu besuchen. Hier wurde man zum Sportschützen, Trainer und Schiedsrichter ausgebildet. Geschossen wurde mit Kleinkaliber 5,6mm, Gewehren mit Kimme und Korn (rumänisches Fabrikat), Freigewehr und Präzisionspistole. Die Munition wurde uns vom Klub gestellt. Pro Woche hatten wir russische Munition für 100 Schüsse zur Verfügung. Von denen ging mancher nach hinten los. Die Patronenhülse platzte hinten auf so dass das abgebrannte Pulver auf die Stirne spritzte.

Der Besitz von Munition oder Waffen wurde mit 3 Jahren Gefängnis geahndet. Die Waffen befanden sich am Schießstand in Verwahrung. Wenn wir zu Wettkämpfen in andere Städte fuhren, brauchte der Gruppenleiter einen Bewilligungsschein von der Polizei, auf dem die Seriennummer aller Waffen eingetragen wurde.

Unerlaubterweise nahm an solchen Tagen jeder sein Gewehr geschultert am Vortag mit nach Hause und ging damit zu dem Zug, der uns in die Stadt brachte, wo die Wettkämpfe stattfanden.



Aufgehalten wurde ich nie.

Der Trainer war ein ehemaliger Fliegeroffizier mit guten Ausbilderseigenschaften. In Erinnerung ist mir geblieben, dass er uns anhielt untereinander Zweierwettkämpfe auszuführen. Dadurch kam man in Wettkampfspannung. Das Herz schlug gleich höher. Die Treffsicherheit wurde beeinflusst. Der Verlierer war dem Gewinner eine Kondi Mehlspeise schuldig. Gewonnen aber hatten wir dabei beide.

Auf Spatzen zu schießen war verboten. Die saßen oft an der Seitenmauer und da konnten die Schüsse aus dem Schießstand ins Freie gelangen. Anderseits konnte eine eventuelle Gewohnheit einem bei Wettkämpfen die Aufmerksamkeit verleiten.

In den Abendschulferien ging ich zweimal in der Woche zum Training. In der Schulzeit am Sonntag.

Die Resultate ließen nicht lange auf sich warten, bis in den Jahren 1956-58 meine sportlichen Leistungen in der Sportzeitung Rumäniens sowie in der Lokalpresse, immer wieder veröffentlicht wurden.



Bekannte, die meinen Namen gelesen hatten, begrüßten mich nun schon von weitem.

Eine Zeit lang hatte ich den Eindruck, dass sich, in so einem Moment, auf meinem Kopf dabei eine kammartige Wulst bildete. Ich hätte nie gedacht, dass es so was gibt.



Leider besitze ich nur noch zwei Zeitungsartikel und einige Medaillen von Erstplätzen auf Landesebene die ich damals belegt habe.


Und dann kam der Tag, der ein besonderer in meinem Leben sein sollte:

Sportschützenmeister Rumäniens für Kleinkalibergewehre mit Kimme und Korn im Dreistellungskampf in Bukarest.

Als Brillenträger hatte ich mir ein Stirnband mit einem halben Augenglas gebastelt so das mein Blick dadurch senkrecht durch das Brillenglas erfolgte.

Nach 20 Schuss liegend ging ich zur Ergebnistafel. Ich war an 5. Stelle.

"Schaut den Ochila, schaut den Ochila (eine einäugige rumänische Märchenfigur)", hörte ich einen über mich spotten, und die anderen lachten.



Mit einem Fluch auf den Lippen ging ich in meine Schießbox zurück.

Das nächste waren 20 Schuss kniend. „Na wartet nur!!“

Anlegen, visieren. Nein, Gewehr herunter. Mit dem ganzen Körper leicht nach rechts.

Anlegen, visieren. Ich bin auf der Zielscheibe. Einatmen, leicht ausatmen bis Kimme und Korn von oben herabkommend richtig auf der Scheibe sitzen.

Abzug bis zum Anschlag leicht anziehen. Abzug durchziehen.........

Sitzt der Schuss? Als wäre ich etwas zu weit rechts gewesen. Ein Blick ins Fernrohr. Der Schuss sitzt im Zehnerring auf 5 Uhr. Weiter so.

Unter höchster Konzentration folgen die nächsten Schüsse. Kein Risiko eingehen, war meine Devise.

Nun stand ich bei der Gesamtbewertung auf dem zweiten Platz. Keiner lachte mehr.

Danach kamen 20 Schuss stehend.

Wie war das, als wir wetteten mit 3 Schuss ein Zündhölzchen auf 50 Meter (man kann es auf diese Distanz gar nicht sehen, darum befestigten wir es in der Mitte der Zielscheibe) stehend, ohne Zielfernrohr in zwei zu zerschießen? Nun gut, ich hatte nicht umsonst trainiert. Jetzt hieß es zeigen was ich kann.

Als ich nach dem letzten Schuss die Kreise zusammenzählte, stellte ich fest, dass ich die Norm für den Titel „Meister des Sportes, 530 Ringe“ mit 26 Ringen überboten hatte.

Auf der Ergebnistafel der Sportschützenmeisterschaft Rumäniens 1958 stand ich mit 551 von 600 möglichen Ringen, an erster Stelle.





Es war gleichzeitig auch die Bestleistung, die je in Rumänien bei einen Wettkampf mit einem Kimme und Korn Gewehr bis dahin erzielt worden war.

Nach eineinhalb Jahren ist mein Rekord überboten worden.



Für den Titel „Meisters des Sportes“ müsste ich noch einmal die Hürde von 530 Ringen überschreiten. Ob ich den Titel auch bekommen hätte, war fraglich, da man auch politische Aktivität vorweisen musste. Aber auf diesem Gebiet hatte ich nichts vorzuweisen. Gefreut hat mich die erzielte sportliche Leistung und das zählte für mich.

Aufmarsch der Sportler. Besteigung der Ehrentreppe. Empfang der Medaille. Hymne im Lautsprecher. Ab ins Hotel.







Man soll es nicht glauben: Dieser Wettkampf hat mich an diesem Tag fast 3 Kg Körpergewicht gekostet.

Am Abend versammelten wir uns im Zimmer unseres Trainers, der sich umzog und mit dem Vorhang noch schnell die Schuhe putzte. Ich war als großer Wettkampfsieger mit einer Runde im Gasthaus dran.

Aber da gab es noch etwas in Bukarest, das Schillerkulturhaus, das einzige deutsche Kulturhaus in Rumänien und hier war heute Abend auch noch Tanz. So stand es in der Tageszeitung "Neuer Weg".

Da müsste man Bekanntschaften machen können. Als Sportler war ich oft bei Wettkämpfen in Bukarest, wofür ich dann aus der Produktion herausgenommen wurde, während mein Durchschnittsgehalt weiter lief. Hier jemanden zu haben mit dem man nach dem Wettkampf ausgeht, das war erstrebenswert.

Dass nun an diesem Abend ein Saufgelage veranstaltet werden sollte, passte gar nicht in mein Konzept.

Ich nahm einen Hunderter aus meinem Portemonnaie, legte ihn auf den Tisch, ging zur Tür, wechselte den Schlüssel von innen nach außen und rief: „Beste Unterhaltung. Das Geld liegt auf dem Tisch.“ Türe zu. Schlüssel im Schloss umgedreht und weg war ich.

Das laute Hämmern meiner Kumpels an die Türe verfolgte mich und machte mir Gewissensbisse.

Am Türeingang des Kulturhauses standen zwei die von mir einen Klubausweis verlangten.

„Freunde, ich komme aus Kronstadt. Als Sportler komme ich nur hie und da nach Bukarest.“

Der Weg war frei. Nachher erfuhr ich, dass auf diese Weise das Haus vor unliebsamen Gästen frei gehalten wurde und dass es gar keine Klubausweise gab.

Bei der Ersten bin ich abgeblitzt. Die Nächste, ja, mit der konnte man sprechen. Bald stellten wir gemeinsame Interessen fest. Fotografie, Berge, Geschichte.



Den ganzen folgenden Tag verbrachten wir mit besuchen und bewundern von rumänischen Kirchen.

Später kam die menschliche Wertschätzung und Liebe dazu, die uns zu einer Familie zusammenwachsen ließ.

Dies war ein besonderer Tag in meinem Leben.

Gut geschossen, dazu ein Herz getroffen.

In der darauffolgenden Zeit ließen meine Resultate bei Wettkämpfen in Bukarest nach.

Kommt sie zum Stelldichein?

Au Backe!! Der Schuss war meiner nicht würdig.

Auch bedrückte es mich, als ich von meinem Trainer erfuhr, dass ich trotz meiner Resultate



wegen der Existenz von Verwandten im Westen nie in die Seniorenlandesmannschaft Rumäniens kommen könne.

Einem Klassenkollegen Christian Scherg musste der Trainer nahe legen, sich aus dieser Sportdisziplin zurückzuziehen (Weisung von Oben), weil sein Vater früher Besitzer einer Stofffabrik war.

Das Ende meiner Spitzensportlerlaufbahn erfolgte ein Jahr später. (Siehe Zwangsarbeit)

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2003 hörte ich bei einem Aufenthalt in Kressborn am Bodensee Kleinkaliberschüsse. Mein Herz schlug gleich höher.

Am nächsten Tag stand ich im Schießstand mit einem Gewehr im Anschlag.



Was für ein Unterschied zu den Gewehren vor 45 Jahren. Aber wussten diese Leute hier nichts vom Gewehrauswuchten?

Na ja, es wird schon gehen. Dreistellungsschießen hatte ich mir vorgenommen.

Liegend
Bald stellte ich fest, dass es liegend nicht mehr ging. Nach kurzer Zeit musste ich die Stellung wegen Rückenschmerzen, die danach noch Tage angehalten haben, aufgeben.

Kniend.
Auch das ging nicht. Ich konnte auf meinem Fuß nicht sitzen. (Siehe Touristen)

Stehend. Ja, das ging.



Dieses Resultat, nach 45 Jahren Unterbrechung, lässt sich sehen.

Die Zeit ist um. Das Kapitel Spitzensport ist abgeschlossen.

Ich war nicht der Beste, belegte aber mit meiner Leistung oft einen der ersten Plätze.


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49 Jahre Später, Sommer 2007 haben wir die Räume des Schillerkulturhauses in Bukarest wieder besucht.



Ein Blick zurück.

In den vergangenen 50 Jahren ist nie das Wort Scheidung gefallen.

Das einzige Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe.

Dies lässt sich auf alles im Leben beziehen.