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Königstein.
„Lieber Gott bitte hilf,
dass..."



Klettertour am Königstein

Bei einer Stadtbusfahrt wurde ich stiller Zuhörer eines Gespräches über eine Klettertour am Königstein, dem Schmuckkästchen der Siebenbürger Karpaten.





Kleiner und großer Königstein, ein Bergkamm von 20 km Länge und bis 2238 m Höhe.

Sie sprachen über Umerii, Padina Lancii, Poiana Inchisa, verrostete Konservendosen, die wahrscheinlich Überbleibsel einer Partisanengruppe waren, die sich Anfang der 50er Jahre im Kampf gegen das kommunistisch Regime hier zurückgezogen hatten. Das war interessant. Das musste ich mir mal ansehen.

Und dann kam der Samstagabend, an dem ich im Zug saß, der mich nach Zarnesti brachte. Beim Aussteigen traf ich noch einen Bekannten aus der Abendschule mit 2 Mädchen die zur selben Schutzhütte, Plaiul Foii aufbrachen.



Westseite des Königsteins bei Plaiul Foi


In der Dämmerung hatten wir nach 12 km Fußmarsch die Hütte erreicht. Froh, dass wir einen Schlafplatz auf den Pritschen im Massenraum zugeteilt bekommen hatten, gingen wir mit unserem Eingesackten in den Speiseraum.

Unterwegs hatte ich ihnen von meinem Vorhaben durch die Padina Lancii-Schlucht zur Poiana Inchisa durchzuklettern erzählt, wovon sie mir, zumal im Alleingang, mit Nachdruck abrieten.

Während des Abendessens fing ich Blicke eines der Mädchen meines Bekanten auf. Sie wollte besonders nett zu mir sein und bot mir immer wieder von ihrem mitgebrachten Essen an. Damals konnte man vom Hüttenwirt nur Tee aus Kräutern bestellen, die er selber gepflückt hatte.

Als 20jähriger Jüngling konnte ich doch höflichkeitshalber nicht zugreifen. So versteifte ich mich darauf nur von dem zu essen, was mir meine Mutter mitgegeben hatte. Brot, gekochte Eier und ein Halbliterglas Auberginenaufstrich. Als wir schlafen gingen hatte ich das große Glas geleert.

Um 3 Uhr morgens kam Bewegung in den Massenraum. Eine junge Frau, die neben mir geschlafen hatte, wachte auf und fragte mich wohin wir gehen? „Wir gehen zusammen bis zur Westwand (rum. La Lanturi) die meine Bekannten hinaufsteigen werden. Ich versuche die Padina Lancii - Schlucht hinaufzuklettern.“

„Ich komme mit.“

„Es tut mir leid, ich weiß nicht was auf mich zukommt und bin nur mit einem Bergstock und einem kurzen Seil ausgerüstet. Ich kann ich Sie nicht absichern. Mit den anderen könnten Sie mitgehen.“

Im Taschenlampenschein gingen wir nun los. Es stellte sich heraus, dass unsere temperamentvolle Wegbegleiterin in Zarnesti beim Standesamt angestellt war.

Was diese Frau an schweinischen Witzen auf Lager hatte, habe ich in meinem späteren Leben nie wieder erlebt. Unter anderem erzählte sie uns, dass sie sich köstlich amüsierte, wenn Bergbauernpaare zu ihnen ins Standesamt kamen, und machte sich über deren Schüchternheit im Sexualbereich lustig.

Am Ende der Baumgrenze bei ca. 1700m Höhe angelangt teilten sich unsere Wege.

Alle vier versuchten mich von meinen Vorhaben abzuhalten. Meine neue Bekannte fasste mich am Arm, zog mich an sich, senkte den Kopf und schlug ihre schwarzen Augen auf während sie sich am mich drückte.

„Willi, geh nicht. Was hast du da verloren? Es sind schon so viele abgestürzt. Mach so etwas nicht im Alleingang! Seit 2 Monaten ist ein Bukarester Junge hier am Königstein vermisst.“

Die Brust schwoll mir von so viel Bemühung des weiblichen Geschlechts um mich.

„Wir sehen uns am Kamm wieder“, war meine Antwort. „Ruft mich nur. Ich werde euch mit meinem Jodler antworten.“



Königsteinnelke (Dianthus callizonua) Foto Meta Josef


Bald danach war ich bei den Umeri, einem Bergsattel, angekommen und hatte den Einstieg in die Padina Lancii- Schlucht gefunden.

Nun kletterte ich behutsam hinauf.

Bald merkte ich, dass es mir übel wurde. Und dann geschah es. Mich in der Wand festkrallend, feierte ich Wiedersehen mit meinem Auberginenaufstrich.

Im Nu waren der Fels, meine Brust und die Hosen vollgekotzt. Als ich mich etwas erholt hatte, kletterte ich bis zur nächsten Grasnarbe und ruhte mich aus.



Foto Dr. Mircea Bichiceanu

Und dann polterten Steine herunter. Steinschlag genau über der Stelle wo ich mich noch kurz zuvor in den Felsen festgekrallt hatte.

Kurz darauf hörte ich Stimmen über mir. Ich rief und machte mich bemerkbar um nicht noch einmal durch Steine gefährdet zu werden.

Es dauerte nicht mehr lange und ich war in der Poiana Inchisa (übersetzt: Geschlossene Au) angekommen.

Hier traf ich einige Bergbauern die nicht begreifen konnten, wie und warum ich hier herauf geklettert sei. Schließlich könne man in diese Au auch ohne Kletterkünste über die Grasnarben heraufsteigen. Zu beachten sei allerdings die Steinschlaggefahr wenn nachmittags die Sonne auf die Zentralwand (rum. Peretele central) scheint.

„Was ist mit Ihnen los?“ wurde ich gefragt als sie die Spuren meiner Abendessenwiedersehensfeier, die ich mit Gras abgewischt hatte, bemerkten.

Ich erzählte ihnen von meinem Missgeschick. Danach merkte ich, dass sie untereinander tuschelten. Was haben die vor? dachte ich mir. Wollen sie mich ausrauben? Dann sah ich wie einer von ihnen zu einem Alten ging, der einen kleinen Sack neben sich hatte. Sie sprachen leise miteinander und sahen immer wieder zu mir herüber.

Der bärtige Alte winkte mich zu sich. „Woher? Wohin?“

„Ich komme aus Kronstadt und will auf den Kamm und dann über Zarnesti nach Hause“.

„Junge, das geht nicht. Weißt du nicht, wo du dich befindest? Das ist die Geschlossene Au. Da kann man nicht hinauf. Komm mit uns hinunter. Wir finden schon noch einen Schlafplatz in einer Scheune für dich und morgen fährst du mit dem Bus nach Kronstadt“. „Danke, danke. Morgen in der Früh muss ich in der Arbeit sein“.

Nach einer Pause.

„Sag dem Väterchen, ist was mit deinem Magen nicht in Ordnung?“ Ich erzählte ihm mein Missgeschick. „Ja, dann soll Väterchen dir was geben“.

Er griff in sein Säcklein und brachte eine daumendicke ungefähr 30 cm lange Wurzel zum Vorschein. Davon brach er ein Stück ab und überreichte es mir. „Zerkauen, aber nicht hinunterschlucken!“ Ich tat wie mir geheißen.

Ein stark bitterer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus. Das schmeckte doch genau so wie das Papaverin, das mir der Arzt verordnet hatte.

Kurz darauf öffnete sich mein Magenpförtner und alle Übelkeit war weg. Es stellte sich heraus, dass diese Bergbauern seit vielen Generationen jedes Jahr um diese Wurzel hier herauf stiegen, sie ausstachen und in Spiritus einlegten. Etwas verdünnt war das ihre Hausmedizin bei Magenverstimmung. Ich lies mir die Staude zeigen und bedankte mich bei den netten Leuten. Ich gab ihnen für den Notfall meine Adresse und wir fotografierten uns mit meinem Fotoapparat.





Danach setzte ich meine Kletterpartie fort.

Im Busgespräch in Kronstadt hatte ich mitbekommen, dass sie sich auf der linken Seite, die einladend aussah, gefährlich verstiegen hatten und danach auf der rechten Seiten zum Kamm geklettert waren. Also Links hinauf.

Die Bergbauern setzten sich auf eine Felsnase und sahen mir gespannt zu.





Das Rucksacknachziehen mit dem Seil war mir von großer Hilfe.

Nach einem Schwenk in den oberen Teil des Perete Central, eine Felswand von mehreren 100 m Höhe, erreichte ich den Kamm.

Ein Jodler zur Verabschiedung von meinen Zuschauern und abwärts ging es zu dem Ruinen der Grindhütte, die vor Jahren eine Lawine mitgerissen hatte. Von hier auf markierten Wanderwegen heimwärts.

Um 22 Uhr stieg ich in den Zug. Meine Wanderfreunde waren nicht dabei. Sie hatten den 19 Uhr Zug erreicht.

Hier saß ich nun mit einer Gruppe von Touristen zusammen. Sie sprachen unter anderem auch von ihrer Kammwanderung. Dabei kam zur Sprache, dass da ein junger Mann mit 3 Weibern am Kamm immer wieder "Willi, Willi!" geschrien hatte.

Ich schmunzelte.

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In der folgenden Woche kam Herr Hans Heinz Heltmann, der als Botaniker am Forstinstitut Kronstadt tätig war, in die Uhrmacherwerkstatt, in der ich damals arbeitete. Ich berichtete ihm über mein Erlebnis am Königstein.

„Hast du sie fotografiert? Das war eine gelbe Enzianwurzel, die man dir gegeben hat. Sie gehört zu den geschützten Pflanzen. Wir sind schon seit längerer Zeit hinter diesen Menschen her, hatten aber bis jetzt keine Beweise in der Hand. Die Fotos und die Adressen, das wäre etwas.“







Karpatenrundschau 6. März 2004


Diese Menschen hatten mir geholfen. Sie sammelten Medizin für sich und ihrer Familie. Ich wusste damals, wie man sich mit einem Magengeschwür fühlt. Soll sie jemand anders anzeigen! Ich nicht.

In den folgenden Jahren nahm ich auch manchmal so eine Wurzel mit, deren Bitterkeit ich durch meine Lebensumstände oft bitter nötig hatte. Oft hat die Wurzel mir geholfen, bis ich Jahre später einen Teil meines Magens dann doch im Krankenhaus lassen musste.
Ich bitte Herrn Heltmann hiermit um Entschuldigung.

10 Jahre später bin ich mit einer Gruppe von fünf DDR Jugendtouristen aus Rostock in die Geschlossene Au bei der Zentralwand hinaufgestiegen. (Nicht durch die Padina lancii wie vorher beschrieben) Ein Seil zum absichern hatte ich nicht mit.

Auch hatte ich bei der Planung der Tour nicht in Betracht gezogen, dass man als Einzelgänger wagemutiger ist, andere Risiken eingeht, als wenn man eine Gruppe führt. Mein Durchstieg 10 Jahre zuvor war mir als problematisch nur in der Padina Lancii in Erinnerung geblieben.





Westwand am oberen Ende.

Das letzte Stück, das wir in der Steilwand von einigen hundert Metern (in den Perete Central) ohne Hilfsmittel und ungesichert klettern mussten, ließ bald das Grauen in mir hochsteigen.

Ich schau mich auch jetzt noch, wie ich am Kamm angekommen die Hände faltete und in Gedanken betete: „Lieber Gott, bitte hilf, dass, keiner abstürzt. Ich werde mich bemühen, nie wieder Menschen in Gefahr zu bringen. Das verspreche ich.“



Wir haben es geschafft.


War es Leichtsinn? Unüberlegtheit? Ich bin davon ausgegangen, dass das was ich kann, jeder gesunde Mensch in meinem Alter auch könne.

Ich möchte betonen: "Ich war und bin kein Tausendsassa".



Weg auf die Spitze des Kleinen Königsteins

Mit diesem Erlebnisbericht wollte ich meinen Homepagebesuchern einen Einblick in die Karpaten und wie einen das Leben formt, bieten.