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Patente



Erfindungen

August 1944. Die Front war über uns hinweggerollt. Die politischen Repressalien gegen die deutsche Bevölkerung nahmen ihren Anfang. Februar 45 wurde mein Vater mit allen anderen arbeitsfähigen Rumäniendeutschen zur Zwangsarbeit in die Kohlenbergwerke der Sowjetunion deportiert, der deutschsprachige Kindergarten meiner Mutter geschlossen.

Zuerst russisches, danach rumänisches Militär zwangseinquartiert.

Zu Weihnachten brachte meine Mutter ein Tannenzweiglein aus dem Garten, an das sie eine Kerze befestigte, und wir sangen leise unsere Weihnachtslieder. Danach deckte sie das Gesteck mit einem Tuch zu.

In allen deutschen Familien herrschte die Angst.

In der folgenden Zeit war der Sonntagmorgen der Höhepunkt der Woche. Ich kroch in Muttis Bett, und sie las mir aus dem dicken Buch „Erfinder und Erfindungen“ vor.

Siemens, Diesel und andere große Namen, wurden meine Vorbilder. Erfinden, das Leben durch technische Verbesserungen erleichtern – das wurde zu meinem erstrebenswerten Ziel.

Als wir Physik und Chemie erstmals lernten, stellte ich mir immer die Frage nach Anwendungsmöglichkeiten dessen, was uns die Lehrer vortrugen.

Experimentieren und basteln sind seither die ständigen Wegbegleiter meines Lebens geblieben.

Als 30-Jähriger arbeitete ich im Post- Telefon- Telegraf- Radioamt (PTTR), wo ich als Meteorologe elektrische Messinstrumente reparierte.

Hier gab es die Möglichkeit, durch Neuerungen Geld zu verdienen. Ich sagte mir: „Bis heute warst du Konsument; jetzt ist es an der Zeit, mit deinem angehäuften Wissen Geber zu werden“.

In den darauffolgenden 4 Jahren habe ich über 60 Neuerungsvorschläge eingereicht, wovon ungefähr 40 zur Ausführung kamen.





Dann kam der Tag, an dem es mir bewusst wurde, dass das, was ich ausgeklügelt hatte, eine Erfindung war.

Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich verließ meinen Arbeitsplatz und ging die Korridore im Postgebäude, wo sich unser Labor befand, auf und ab.

Als ich meinen Arbeitskollegen davon berichtete, schüttelten sie die Köpfe. „Was? Du willst eine Erfindung gemacht haben? Ich kenne viele Hochschulprofessoren, die in ihrem kleinen Finger mehr Wissen als du haben, und die haben noch keine Patente angemeldet,“ sagte einer von ihnen.

Ich beschaffte mir ein Buch über die Formulierung und Antragsstellung von Patenten. Es gab viel Papierkram zu erledigen.

Nach einen halben Jahr war das Patent „Methode und gradierte Hilfsskala zum Eichen von Ohmmetern“ anerkannt.







In Rumänien waren alle Betriebe in Staatsbesitz. Die Unternehmen hatten eine Verordnung erhalten, dass sie nichts von Privatpersonen ankaufen dürften.

Nun, wie bringt man unter solchen Bedingungen ein Patent „an den Mann“? Der Gesetzgeber hatte eingeräumt, dass man sein Patent dem Unternehmen, in dem man arbeitet, schenken kann und auch eine Vergütungstabelle festgelegt.

Also war ich gezwungen mein Patent dem Unternehmen, in dem ich beschäftigt war, mit einen Schenkungsantrag meinerseits zu überlassen. Dafür kam das Unternehmen für die Patentanmeldekosten auf, und ich erhielt eine Prämie von einem Monatslohn.

Das Unternehmen hatte bald seine Ausgaben wieder eingebracht, da es mein Patent anschließend noch 3 mal weiterverkauft hat, wovon ich auch einen kleinen Anteil erhielt.

Für mich war es die Hauptsache, dass ich es „geschafft“ hatte. Ein Kindheitstraum war in Erfüllung gegangen. Ich war kein Benjamin Franklin, hatte auch keinen Doktortitel, aber ein Patent und wurde als Erfinder herumgereicht.

Mit der Zeit kam es jedoch zu Spannungen.
Nach gesetzlicher Verordnung war das Unternehmen verpflichtet, Neuerungsvorschläge anzunehmen und deren Herstellung durchzuführen. Das Unternehmen, in dem ich arbeitete, war ein Dienstleistungsunternehmen. Wir hatten nur eine alte Drehbank und einen Schleifstein für einfache Reparaturen an unserem Autopark, und ich legte Projekte vor, die meiner Zeit weit voraus waren.

So z. B. wurden Anfang der 70er Jahre per Hand die 15.000 Telefonimpulszähler der Abonnenten fotografiert. Danach mit einem Filmbetrachter ausgewertet und handschriftlich in ein Formular mit Durchschlag eingetragen. Danach folgte die Berechnung im Kopf und die weitere Buchhaltung.

Mein Verbesserungsvorschlag beruhte auf optoelektronischem Einlesen der Zahlenreihe der mechanischen Impulszähler, auf elektronischer Berechnung sowie dem Ausdruck mit Hilfe eines Faxdruckers.

Datentechnik war mir damals unbekannt. So löste ich alle Probleme analog mit den Mitteln, die damals zur Verfügung standen. Den analogen Rechner,den ich hierfür entworfen hatte, brachte ich einige Jahre später in der Kunstfotografie zum Einsatz.

Ein solches Projekt zu Hause in meiner 18qm großen Wohnung, wo wir zu viert lebten, auszuführen, (der Postträger Stan Papusa bekam eine Wohnung vom Unternehmen zugeteilt, der Techniker Willi Roth (der Deutsche) jedoch nicht, war leider nicht möglich, und so versank das Projekt in den Schubladen des Unternehmens.

10 Jahre später rief mich mein ehemaliger Arbeitskollege an und sagte mir, dass mein Projekt teilweise zur Durchführung gekommen sei. „Die Belege werden nun maschinell in einen Datenzentrum berechnet und ausgedruckt“. Das Einlesen der Zähler erfolgte weiter per Hand. Ob auch heute noch, im Jahr 2003? Ich weiß es nicht.

Es kam die Zeit, in der durch Ausschreibungen auf Landesebene um technische Unterstützung zur Lösung bestimmter Probleme aufgerufen wurde.

3 Jahre hintereinander stand das Problem „ Fremdspannung im Drahtfunknetz“ an erster Stelle.

Ich nahm mich der Sache an.

Welches war nun das Problem? In Rumänien wurden in den 50er Jahren fast flächendeckend große Verstärkeranlagen mit Lokalstudios eingerichtet. Damit wollte man, mit kontinuierlicher Berieselung, die Bevölkerung zu liniengetreuen Bürgern erziehen.

Aus den Verstärkerstationen gingen Leitungen mit einer Spannung von 220V aus, die dann – über Transformatoren auf 30V verringert – zu den Lautsprechern in die Häuser kamen.

30 Volt waren kein Problem. Nur die Leitungen waren an den Strommasten einen Meter unter den Netzstromleitungen angebracht, und so geschah es, dass durch verschiedene Umstände nicht mehr 15 sondern 220 V zwischen der Leitung der Lautsprecher und der Erde waren. Dieses bis sich jemand elektrisierte und es der Zentrale meldete.

Unfälle der Leitungsbetreuer, die nicht mit dieser Spannung rechneten, hat es öfters gegeben.

Dazu kam es, daß der Lautstärkehebel unisoliert mit dem Lautsprechernetz verbunden war. Das Resultat: Tote Abonnenten durch Stromschlag.

In der Moldau soll, in einem Sommer, eine ganze Häuserzeile Feuer gefangen haben. Jemand wollte sich an seinem Nachbarn rächen und hatte die Phase seines Netzanschlusses in die Lautsprechersteckdose gesteckt, wodurch mehrere Lautsprecher Feuer fingen.

Das technische Problem war, die Information des Vorhandenseins der gefährlichen Fremdspannung über die Transformatoren des Leitungsnetzes hinweg in die Zentrale zu bringen.

Das Ei des Kolumbus, das ich nun präsentierte, löste das Problem, und sobald im Drahtfunknetz eine Fremdspannung (Wechselstrom 50 Hz) auftrat, ging ein Alarmsignal in den ständig betreuten Verstärkerstationen an. Daraufhin konnte der Linienbetreuer die Gefahr erkennen und beheben.

Es würde zu weit führen, alle zusätzlichen technischen Probleme, die ich in diesen Zusammenhang löste, hier zu schildern.

Mein Vorschlag wurde von der Betriebskommission mit fadenscheiniger Begründung abgewiesen. Dies wäre keine Lösung des Problems.

Darauf habe ich schriftlich geantwortet, „dass ein guter Freund mir den Rat gegeben hat, die Alarmleitung bis zum nächsten Kirchturm zu verlängern und dort einen bestimmten Alarmglockenschlag zu produzieren, damit alle Menschen verständigt werden, dass eine Gefahr besteht“.

Eine Strafe von 25 % meines Monatseinkommen war das Ergebnis.

Als ich sah, dass ich alleine nicht durchkam, habe ich meinen Arbeitskollegen, Eugen Emilian, einen Rumänen daran beteiligt.

Wir erstellten gemeinsam einen Patentantrag (er 40%, ich 60%) und schickten nun den gemeinsamen Vorschlag an das Ministerium.

Erst auf Druck des Ministeriums wurde im Drahtfunknetz von Marienburg bei Kronstadt mein Neuerungsvorschlag der in der Zwischenzeit als Patent anerkannt worden war, mit Erfolg getestet.



Einige Monate später gehörte die Vorstellung das Patentes in das Programm eines Landessymposions der PTTR in Temeschburg, wo technische Neuigkeiten vorgestellt wurden.

Wer wurde vom Unternehmen nach Temeschburg geschickt? Mein Arbeitskollege!

Ich bat um 3 Tage Urlaub, um auf eigene Kosten dabei sein zu können, wenn meine Arbeit vorgestellt wird. (Temeschburg war 10 Schnellzugstunden von Kronstadt entfernt)

Wurde nicht genehmigt.

Bitte um 3 Tage unbezahlten Urlaub.

Nicht genehmigt.

Ja, man drohte mir sogar mit Entlassung, wenn ich ohne Genehmigung 3 Tage vom Dienst fernbleiben würde.

Schließlich habe ich den für Patente und Neuerungen zuständigen Mann im Ministerium in Bukarest telefonisch erreicht, der mich aufforderte, zum Temeschburger Symposion ohne Genehmigung zu kommen, er würde den Sachverhalt beim Minister vorbringen.

Ich bin dann mit dem Nachtzug nach Temeschburg gefahren, und um 10 Uhr, als mein Projekt von meinem Kollegen vorgestellt wurde, betrat ich den Konferenzraum.

Er bemerkte mich, kam gleich auf mich zu und stellte mich den Anwesenden als den Autor dieses seit Jahren anstehenden und nun gelösten Problems vor.

Nach dieser Begebenheit habe ich mich nach einer anderen Arbeitsstelle umgesehen.

Es folgten weitere Patentanmeldungen. Doch eines Tages erfuhr ich, dass jeder Autor eines Patentes als „Staatsgeheimnisträger“ eingestuft wurde und das Land 2 Jahre hindurch nicht verlassen durfte.

Somit war mir klar, warum mein Antrag, Freunde in der DDR zu besuchen, oder eine 4-Tagereise nach Bulgarien zu machen, behördlich nicht genehmigt worden war.

Hinzu kam, dass mein Antrag zur Ausreise in die Bundesrepublik seit Jahren immer wieder zurückgewiesen wurde.

Zwei Patentanträge habe ich zurückgezogen, das eine war ein Stadttelefon mit interessanten Wartungseigenschaften, einen anderen habe ich durch Publikation zerstört.

Somit war dieses Kapitel meines Leben in Rumänien abgeschlossen. Der „Mikrob“ ist jedoch geblieben. Patente habe ich in Deutschland nicht mehr angemeldet, obwohl da einige interessante Projekte zum Anmelden gewesen wären.

Aber Spuren meiner geistigen Tätigkeit habe ich als angewandte Neuerung in meinen beiden Arbeitsstellen bis zu meiner Rente hinterlassen.













Wichtiger als Patente zu sammeln ist mir jetzt, meine Vorträge über Siebenbürgen "Dia-Tonmontagen" zum Hausgebrauch, handgerecht auf Video herzustellen und unter die Leute zu bringen.

Es sind Zeitdokumente einer Europäischen Kulturgruppe der ich angehöre, die 800 Jahre außerhalb des Deutschen Binnenraumes gelebt und gewirkt hat und sich, jetzt heimgekehrt, auflöst.