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Honterusschule
Gestern ist heute
Geschichte




Rock'n Roll hinter dem Eisernem Vorhang in den 50er Jahren
und eine Fotografie.










Wie Dr. Otto Liebhart 1957 seinen Direktorposten verlor.

Nachdem 1955 alle technischen Mittelschulen in Rumänien aufgelöst wurden, besuchte ein großer Prozentsatz der deutschen Jugendlichen in Kronstadt das Tages- und Abendlyzeum.

Beigetragen zum weitermachen im Abendlyzeum hat bei manchen von uns, die wir täglich 8 Stunden voll arbeiteten, die persönlichen Gespräche mit unseren Lehrkräften, die vorwärtsschauend die Bildung der heranwachsenden sächsischen Jugend im Herzen trugen.

1957 waren wir zwei 10. Klassen im Abendlyzeum der Honterusschule. Das elfte Schuljahr hatten wir noch vor uns.

Wir waren jung. Der Fasching stand vor der Tür. Eine öffentliche Veranstaltung, wo wirhätten hingehn können, gab es nicht. Die Tagesschüler hatten ihren Fasching in einem Klassenzimmer gefeiert. Wer organisiert unseren Fasching? Unser Willi !!!

Na ja. Ich sprach alles mit der Schulleitung ab. Gleichzeitig sagte sich auch die achte Klasse an. Sie bekamen ein anderes Klassenzimmer zugewiesen.

Einen Fotografen brauchten wir. Mancher von uns fotografierte und entwickelte seine Bilder im Klo oder Badezimmer und besserte damit illegal sein Einkommen auf. Um jegliche Probleme zu vermeiden, hatte ich einen Fotografen von der Genossenschaft, einen Arbeitskollegen einer unserer Mitschülerinnen angeworben.

Der Fasching lief gut an. Direktor Dr. Otto Liebhart sprach die Begrüßungsworte. Nachdem er nach dem Rechten gesehen hatte, ging er nach Hause. Als Aufsichtsperson blieb der damalige zweite Direktor, Lehrer Walter Schuller.

Bald stellte sich heraus, dass die als Plattenspielerverstärker herbeigebrachten Radioapparate den Raum nur kläglich beschallen konnten. So wanderte mancher Tanzlustige zu den Achtklässlern.

Irgendwann teilte mir jemand mit, dass in der achten Klasse Rock'n Roll getanzt würde. Gehört hatte ich davon, gesehen noch nichts. Mit Lehrer Walter Schuller und dem Fotografen gingen wir ins Erdgeschoss. Und da sahen wir einen stämmigen Schüler wie er ein Mädchen um seinen Körper wirbelte. Als sie sich dann im Tanz beide Rücken an Rücken stellten, sich über die Schulter fassten und er sie über seinen Kopf warf und das alles im Takt einer wilden rhythmischen Musik, waren wir fasziniert.

Der Fotograf legte gleich die Kamera an und das heute nun historische Ereignis fand seinen Anfang.

Dieser Moment in der Dunkelkammer entwickelt und nun schwarz auf weiß an das Tageslicht gebracht, zeigte ein Bild, das man auch auf den Kopf stellen konnte, wobei man immer 2 Füße unten und 2 oben und dazu noch eine Damenunterhose zu sehen bekam. Ein tolles Bild. Ein Kuriosum. Gut für die Vitrine des Fotoateliers, das sich neben der Katholischen Kirche in der Klostergasse befand.

Am nächsten Tag erhielt das Atelier Besuch. Vom Bild wurden mehrere Exemplare angefertigt und mit dem Film konfisziert.

Danach mahlten die Mühlen der Obrigkeit. Von den höchsten Ebenen Rumäniens tauchten die Hüter von Kultur und Moral des Lehramtes und der UTM (Kommunistische Jugendorganisation) auf, um den Sumpf der westlichen Dekadenz, der sich im deutschsprachigen Lyzeum in Kronstadt ihrer Meinung nach angesetzt hatte, mit drastischen Maßnahmen auszurotten.

War dies ein politisch-ideologisches Motiv? Nein, sondern eine Begebenheit in der Unschuldige aus Bagatellegründen zum Opfer von drakonischen Maßnamen des kommunistisch-nationalistischen Regimes Rumäniens wurden.

Das Endergebnis:
Dr. Otto Liebhart wurde seines Direktorpostens enthoben.
Lehrer Walter Schuller seines stellvertretenden Direktorpostens enthoben.
Zwei Schülerinnen und ein Schüler mussten das Gymnasium verlassen.

Der neue Direktor, bis dahin aus der Reihe der Lehrerschaft gewählt, wurde von außerhalb der Schule eingesetzt.

45 Jahre später, habe ich mit dem damals eingesetzten Direktor, über den Vorfall gesprochen. Bis dahin war er und andere sollen derselben Ansicht gewesen sein, dass die Enthebung eine von langer Hand von der Securitate organisierte Aktion war, um in das deutschsprachige Lyzeum einzugreifen und Dr. Otto Liebhart zu Fall zu bringen.

Dieses Mal stimmte es nicht. Es war die politische Macht die eine aus Zufall entstandene Fotografie als Vorwand benutzt hatte.

Tatsache ist, dass Liebhart manchem ein Dorn im Auge war, weil er immer wieder versuchte an die hundertjährige Tradition der Honterusschule anzuknüpfen, die durch die Ereignisse des letzten Jahrzehnts abgebrochen war.

Das man im Abendlyzeum auch etwas gelernt hat, beweist eine der betroffenen Schülerin der 11. Klasse, die kurz danach nach Deutschland kam und ihr Abitur mit 1 abgeschlossen hat.