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Versuch als 7-Jähriger einen russischen Lastkraftwagen an der Weiterfahrt zur Front zu verhindern.



September 1944

Als die russischen Truppen im August 1944 die Grenze Rumäniens überschritten, wechselte das ehemals verbündete Rumänien die Front.

In kleinen Gruppen versuchten die Deutschen die Karpaten zu überschreiten um in Siebenbürgen den Anschluss an ihre Truppen zu finden.

Deutsche Truppen, die sich nach Süden auf den Balkan zurückzogen, sind spurlos verschwunden.

Von den ehemaligen Verbündeten nun als übermächtige Feinde umstellt, war die Neugruppierung der Front äußerst schwierig und viele gerieten in rumänische Gefangenschaft und mussten danach den Russen ausgeliefert werden.

Die Wehrmacht hat mehr Landser in Rumänien verloren als in Stalingrad!

Die deutsche Bevölkerung Rumäniens half den Gefangenen und Versprengten, unter großem Risiko wo sie nur konnte.

Über Kronstadt ist die Frontwalze verhältnismäßig leicht hinweg gerollt. Nur am Rande der Stadt habe ich 2 deutsche ausgebrannte Panzer gesehen. Aber wie sahen die deutschen Soldaten aus, die noch vor Tagen so zackig durch die Straßen marschierten und deren Lieder man in unseren Familien sang? In langen Marschkolonnen, unrasiert, schmutzig, manche mit blutigen Verbänden wurden sie unter Bewachung als Kriegsgefangene zum Bahnhof geführt.

Mit meiner Gusbeth Oma standen wir (ich war damals 7 Jahre alt) am Fenster und sahen die Elendskolonnen, die sich durch die Rumänische Kirchengasse bewegten.

Als Frau wusste sie, was Not tat. Schnell schmierte sie Butterbrote mit denen ich auf die Straße ging. Als der Begleitposten an mir vorbei war sprang ich in die Reihe der Gefangenen, drückte einem mein Butterbrot in die Hand und lief wie ein Wiesel auf der anderen Seite der Kolonne hinaus und in den nächsten Hof hinein.

In Petersberg sammelte man Lebensmittel und meine Mutter und andere Frauen gingen damit am Kronstädter Bahnhof die Gefangenenzüge entlang und riefen: "Ist hier jemand aus Petersberg, ist jemand aus Siebenbürgen, wen sollen wir verständigen? Dabei steckten sie den Gefangenen Essbares zu. Woher sie den Mut dazu aufbrachten, auf die Gefahr hin mitverschleppt zu werden, ist mir schleierhaft.

Als ich einmal im Schuppen meiner Großeltern spielte, hörte ich jemanden niesen. Angsterfüllt lief ich hinaus und schrie: "Oma, da ist jemand! Da ist jemand!" Oma nahm mich bei der Hand und wir gingen zum Eingang des Schuppens. "Wo ist jemand? Da ist niemand!", hör ich sie auch heute noch sagen. Danach schickte sie mich etwas einkaufen. Auch Jahre später sah ich mir das an die Wand gehängte Kanapee besonders aufmerksam an. Ob sich da nicht doch jemand versteckt hielt?

Jahrzehnte später erfuhr ich, dass da ein Versprengter Unterschlupf gefunden hatte, dem Mintante, die am Hof wohnte mit Zivilkleidung ausgeholfen hatte, damit er hinter der Front seine Heimkehr versuchen konnte.



Ich, Oma und Mintante

Kurz darauf fuhr ein russischer Lastkraftwagen auf den Hof. Ota war im ersten Weltkrieg 6 Jahre in russischer Gefangenschaft gewesen, so war eine Verständigung nicht schwer. Mintante musste ein Zimmer abgeben.

Erinnern kann ich mich noch, wie einmal ein Russe, stockbesoffen mit der Pistole in der Hand, nach Hause kam und alle in Angst und Schrecken versetzte. Kurz darauf tauchten 2 russische Militärpolizisten auf, die nicht lange fackelten. Trotz der Pistole und heftiger Gegenwehr überwältigten sie ihn und nahmen ihn mit.

Als ich wieder einmal in den Hof kam, hörte ich eine Frau im Russenzimmer fürchterlich schreien. Oma sah das ich bald wegkam. Später habe ich erfahren, dass da eine Frau mit einem Russen mitgekommen war, ihr aber 6 Männer dann doch zu viel gewesen waren.

Die drei Thellmanns (Nachbarkinder) und ich saßen am Zaun und sahen zu wie ein Russe vom Motor seines LKW etwas ausgebaut und auf einem Tisch gelegt hatte.



Krista, Horst, ich und Winfried

Horst der ältere von uns, der schon die Pimpfuniform getragen hatte, sagte, dass man etwas tun müsste um den LKW an der Fahrt an die Front zu hindern. Kurz darauf wurden sie zum Essen gerufen. Auch der Russe ging essen.

Jetzt, blitzte es mir! Ein Sprung vom Zaun und ich war am Tisch. Das erstbeste Stück unter das Hemd gesteckt und zum Tor hinaus.

Nun wohin damit?

Ich lief die Gasse hinunter bis zum Bach und schmiss meine Trophäe hinein.

Als ich zu Hause ankam, meine Eltern hatten ihr Haus am anderen Ende der Parzelle meiner Großmutter gebaut und somit einen eigenen Straßeneingang, wartete mein Großvater, der durch den Garten gekommen war auf mich.

"Du, der Russe hat dich als letzten in der Nähe seines Autos gesehen. Gib das Stück her, dass du genommen hast."

Das war aber nun nicht mehr möglich.

Er ging zurück um irgendwie das Problem zu lösen.

Ängstlich sahen wir (meine Mutter und ich) vom Küchenfenster in den Garten. Und da kam der Russe mit der Pistole in der Hand.

Schnell sperrte sie die Haustür zu, erwischte hastig einige Sachen und wir sprangen durch das Fenster auf die Gasse.

Die visavis Nachbarin, die im Fenster lag und unser sonderbares Hausverlassen mitbekommen hatte, bat sie, sie solle das Fenster im Auge zu behalten und ihre Tochter solle meine Großeltern verständigen damit die, sobald die Luft rein sei, in der Wohnung das Fenster schließen sollten weil wir nach Petersberg flüchten.

Nach zwei Tagen verständigte uns mein Großvater durch den Milchmann, der die Milch mit dem Wagen nach Kronstadt brachte, dass die Russen weg seien.

Wieder zu Hause, sahen wir die Spuren des Revolvergriffes mit dem der Russe gegen die Vorzimmertür geschlagen hatte. Sie sollten noch 6 Jahre zu sehen sein, bis mein Vater, von der Zwangsarbeit aus Russland heimgekommen, sie verkittet und wieder angestrichen hatte.

Ob man die Spuren heute noch sieht? Ob die Türe noch dieselbe ist? Der neue Besitzer unseres Hauses, der unser Haus zu einem Spottpreis vom Staat gekauft hat, lässt uns nicht in den Hof.